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Genre: h/c und Kitsch-Supergau
Wortanzahl: knapp 6000
Zusammenfassung: Woher Professor Jaschke und Frau Haller die Kraft nahmen, sich nach diesem schrecklichen Tag, nach diesen emotionalen Achterbahnfahrten immer noch derartig unter Kontrolle zu halten, ja, sich überhaupt noch aufrecht zu halten, war ihr fast unverständlich.
A.N.: Diese Geschichte ergibt nur Sinn, wenn man die Hauptstory und alle dazugehörigen Oneshots kennt.
(Außerdem möge man bitte die Warnungen im Prolog noch mal kurz überfliegen, sie gelten immer noch.)
Outsider-POV


Sie arbeitete noch nicht lange in der Uniklinik, doch in den ersten Wochen hier hatte sie schon einiges erlebt. Diese Nachtschicht allerdings war bislang die extremste; ungemein anstrengend. Ungemein aufwühlend. Ungemein zermürbend.



Mit geübten Griffen wrang sie das weiche Frotteetuch aus und wischte dann behutsam über das graue, angespannte Gesicht ihres Patienten, vorbei an dem großvolumigen Venenkatheter in seiner Halsbeuge und seinen Brustkorb hinab, soweit ihr das bei den unzähligen Monitorkabeln, Drainageschläuchen und Verbänden möglich war. Ein Handtuch zu holen und ihn abzutrocknen war nicht nötig, die Feuchtigkeit, die der kühle Waschlappen hinterließ, verdunstete viel zu schnell auf der vom Fieber glühenden Haut.

Leider brachte ihm die so gutgemeinte Geste keinerlei Erleichterung. All ihren sorgenvollen Bemühungen zum Trotz zeigte der Mann vor ihr keine Reaktion auf ihre Anwesenheit, so sehr sie sich um seinetwillen gewünscht hätte, er würde endlich zu sich kommen. Doch daran war offensichtlich noch nicht zu denken; er war weiterhin praktisch besinnungslos, gefangen in seinem Alptraum. Seine Lippen bewegten sich kaum wahrnehmbar, während ihm seine Verzweiflung ins Gesicht geschrieben stand - und wie schon seit Stunden konnte sie nichts anderes tun als an seiner Seite ausharren und versuchen, ihm begreiflich zu machen, dass der Horror, den er erlebt hatte, vorbei war.


***


Als am Abend zuvor in der Dienstübergabe der Name eines Professor Boerne als Patient genannt worden war, hatte sie verwundert beobachtet, wie all ihre Nachtdienstkollegen erschreckt aufgehorcht hatten. Ungläubig und - als klar wurde, wie schlecht es ihm  ging - regelrecht schockiert hatten sie dem Bericht gelauscht, den die offensichtlich ebenfalls aufgewühlten Kollegen des Spätdienstes ihnen gegeben hatten.


Im Gegensatz zu allen anderen im Raum hatte sie den Mann nicht gekannt, doch auch ihr war allein durch die Zusammenfassung der Geschehnisse ganz anders zumute geworden: der Professor und seine Assistentin hatten einen Alptraum durchlebt, wie sie ihn sich kaum vorstellen konnte.

Auf eine vorsichtige Nachfrage hin hatte man ihr kurz erläutert, dass dieser Professor Boerne der Chef des Rechtsmedizinischen Institutes sei und gleichzeitig ein guter Freund des leitenden Oberarztes der Intensivstation, Professor Jaschke. Allein diese Tatsache war für das Verhalten ihrer Mitarbeiter Erklärung genug; das gesamte Pflegeteam hielt große Stücke auf seinen ärztlichen Vorgesetzten und nun, da sich einer seiner engsten Bekannten in einem solch kritischen Zustand befand, war klar, dass sie alle sich betroffen fühlten. Weiterhin war klar, dass sie alles menschenmögliche tun würden, um dem Schwerverletzten und ihrem Chef zu helfen.


Weil sie in dieser Nacht für den hinteren Bereich der Station zuständig war, war es in ihren Aufgabenbereich gefallen, Professor Boerne zu versorgen. Sie hatte sich ein wenig verunsichert gefühlt deshalb, aber ihre Kollegen hatten ihr sogleich zu verstehen gegeben, dass sie ihr sofort zur Seite springen würden, sollte sie Hilfe brauchen.

Eine erste schnelle Kontrollrunde durch die Zimmer der ihr zusätzlich anvertrauten Patienten hatte ihr gezeigt, dass diese glücklicherweise alle den Umständen entsprechend wohlauf waren und schliefen. Dort gab es nicht viel zu tun, nachdem sie zügig die anfallenden Arbeiten erledigt hatte, hatte sie schließlich den Raum betreten, in dem Professor Boerne untergebracht war.
Wie sie es fast vermutet hatte, war er nicht allein gewesen - Professor Jaschke hatte sich im Zimmer seines Freundes befunden und offensichtlich nicht vorgehabt, sich in absehbarer Zeit dort wegzubewegen.

Er hatte von einem Stapel Akten aufgeblickt, die vor ihm auf einem kleinen Tisch ausgebreitet gewesen waren, war dann aufgestanden und wortlos zu ihr getreten. Gemeinschaftlich hatten sie die Vitalzeichen, Verbände und die Wunddrainagen des Patienten überprüft. Danach hatte sie sich noch kurz vergewissert, dass alle Einstellungen der Infusionspumpen und des Beatmungsgerätes den Anordnungen entsprachen und dann hatte sie mit Jaschkes Hilfe den tief bewusstlosen Mann umgelagert. Wie selbstverständlich war ihr Vorgesetzter ihr dabei zur Hand gegangen und hatte mit ihr zusammen dafür gesorgt, dass der weiterhin hochfiebernde Professor so komfortabel wie möglich ruhen konnte.

Als sie zu guter Letzt ein frisches Laken über dem Verletzten ausgebreitet hatte, war Jaschke, der während der Arbeiten kaum ein Wort gesprochen hatte, zu seinen Akten zurückgekehrt. Er hatte auf ihren gemurmelten Dank hin nur mit einem müden Lächeln reagiert und sich dann wieder auf seinen Stuhl fallen lassen. Diese uncharakteristische Schweigsamkeit des sonst so offenen Mannes hatte ihr ziemlich zugesetzt; seine Stille und das erschöpfte Seufzen, das er nicht hatte unterdrücken können, als er sich in seinem Sitz zurückgelehnt und für einen Moment die Augen geschlossen hatte, waren ein mehr als deutliches Zeichen dafür gewesen, wie sehr die Situation ihn belastete.



Dennoch hatte die Nacht vielversprechend angefangen. Wie sie von den Kollegen des Spätdienstes wusste, hatte Professor Boerne die kritischen ersten Stunden unmittelbar nach der OP besser als gehofft überstanden und sich im Laufe des Nachmittages immer weiter stabilisiert. Die Entzündungswerte im Blut hatten ganz langsam zu sinken begonnen, die Antibiotika schlugen offenbar an. Als sie ihren Dienst angetreten hatte, war er auf einem guten Weg gewesen und nach intensiven Diskussionen mit seinen Kollegen hatte Jaschke sich am späten Abend dazu entschlossen, die Sedierung im Laufe der Nacht versuchsweise zurückzufahren.
Der Verletzte hatte darauf erstaunlich gut reagiert. Obwohl es ihm die Wenigsten zugetraut hatten und trotz des weiterhin hohen Fiebers war er bereits wieder stark genug gewesen, im Verlauf der nächsten Stunden mehr und mehr der Atemtätigkeit selbst zu übernehmen.




Natürlich gewährleisteten die Geräte der Intensivstation eine lückenlose Überwachung aller Vitalzeichen, dennoch hatte Jaschke das Zimmer seines Freundes nicht ein einziges Mal verlassen. Doch die Tatsache, dass er schon seit dem frühen Morgen ohne Pause im Dienst gewesen war, forderte schließlich ihren Zoll – sie war nicht verwundert gewesen, als sie bei einem ihrer Kontrollgänge feststellte, dass seine Müdigkeit gesiegt hatte. Weit zurückgesunken in seinem Stuhl, die Arme auf der Brust verschränkt und den Kopf an der Wand angelehnt, hatte er tief und fest geschlafen. Selbst als sie die Decke von dem zweiten, leeren Bett im Zimmer geholt und sie vorsichtig über ihm ausgebreitet hatte, war er nicht aufgewacht. Für eine Weile hatte er sich – ebenso wie der Patient im Bett – keinen Millimeter gerührt.
Die friedlichste Stunde der Nacht.


Doch mit dem Frieden war es vorbei gewesen, als Professor Boerne angefangen hatte zu träumen.


Jaschke war zu diesem Zeitpunkt schon wieder wach gewesen. Kurze Zeit zuvor hatten sie den Verletzten tatsächlich extubieren können und an sich waren sie guter Dinge gewesen, dass er nun bald wieder aufwachen würde.
Doch leider war er in dieser Aufwachphase sehr unruhig geworden. In immer kürzer werdenden Abständen hatte er lautlos zu murmeln begonnen, schwach den Kopf und die Hände bewegt, war immer wieder aufstöhnend zusammengezuckt. Seine Worte waren absolut unverständlich gewesen, doch ein Blick in sein angespanntes Gesicht hatte mehr als deutlich gezeigt, wie sehr er sich quälte.


Mit einer Engelsgeduld hatte Jaschke es ein ums andere Mal geschafft, seinen Freund zu beruhigen. Er hatte ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen, ihn gehalten und immer aufs Neue leise und begütigend auf ihn eingesprochen, bis der Verletzte sich wieder etwas entspannte.

Schnell schon waren sie beide zu dem Schluss gekommen, dass das keine normalen Fieberträume waren. Die extreme Rastlosigkeit des Verletzten war sicherlich auf den brutalen Übergriff zurückzuführen, dessen Opfer er in der Nacht zuvor geworden war, und den er offensichtlich wieder und wieder durchlebte.
Weiterhin waren sie ganz optimistisch gewesen, dass dieser unangenehme Dämmerzustand, in dem es Professor Boerne noch nicht möglich war, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden, bald überwunden sein und es ihm dann besser gehen würde.

Doch als er völlig unerwartet aus seinem halb besinnungslosen Zustand aufgefahren war und sich aus offensichtlicher Todesangst um seine Assistentin innerhalb weniger Sekunden heiser geschrien und in eine regelrechte Panikattacke hineingesteigert hatte, war klar geworden, dass sie mit all ihren Annahmen ziemlich daneben gelegen hatten.


Egal was er getan hatte, dieses Mal war es Jaschke nicht gelungen, seinen Freund zu beruhigen, geschweige denn, ihn still zu halten. Die Sorge um seine Mitarbeiterin war einfach übermächtig gewesen.
Woher der hochfiebernde, schwerkranke Mann die Kraft genommen hatte, sich so heftig zu wehren, sich derart verzweifelt aufzubäumen, war ihr auch jetzt noch ein Rätsel. Fest stand nur, von einer Sekunde auf die andere war die Situation eskaliert.

Schon nach kürzester Zeit waren Kollegen zu ihnen ins Zimmer gestürzt, hatten geholfen, den Verletzten festzuhalten, versucht, ihn davor zu schützen, sich selbst Schaden zuzufügen.
Es war ganz eindeutig gewesen, dass sie nicht zu ihm durchdringen konnten, ihm nicht klarmachen konnten, dass seine Assistentin und auch er in Sicherheit waren. Jaschke hatte deshalb fast unmittelbar entschieden, seinen Freund erneut zu sedieren, der enorme Stress, dem er in diesem Moment ausgesetzt gewesen war, hatte ihn in akute Gefahr gebracht.
Doch noch bevor ein Kollege das eilig herbeigeholte Medikament hatte verabreichen können, war Professor Boerne plötzlich unter ihren Händen zusammengesackt und reglos liegen geblieben. Zeitgleich hatten alle Überwachungsmonitore angefangen zu alarmieren, statt eines Pulses nur noch ein Kammerflimmern angezeigt.

Der fassungslose Ausdruck in Jaschkes Gesicht, als er für zwei Sekunden wie paralysiert auf den Bildschirm gestarrt hatte, jagte ihr auch im Nachhinein noch eine Gänsehaut über den Rücken.


Aber diese Starre hatte nicht lange angehalten. Der erfahrene Arzt war nicht umsonst der Leiter der Intensivstation. Von jetzt auf gleich hatte er sich zusammengerissen und auch das Team hatte reibungslos funktioniert.
Noch bevor Jaschke überhaupt den Mund öffnen konnte, hatten zwei Kollegen den leblosen Professor hochgerissen und ihm ein Reanimationsbrett unter den Rücken geschoben. Kaum hatten sie ihn zurücksinken lassen, hatte einer von ihnen mit der Herzdruckmassage begonnen, der andere hatte die Beatmung übernommen.
Sie selbst war indessen aus dem Zimmer gerannt und hatte so schnell sie konnte den Notfallwagen ans Bett gebracht. Damit waren der Defibrillator und alle lebensnotwendigen Medikamente griffbereit gewesen und Jaschke hatte begonnen, seine Anweisungen herauszufeuern, Schlag auf Schlag.


Glücklicherweise war die Reanimation wie aus dem Lehrbuch verlaufen.
Als ein leises, zwar noch zu schnelles, aber wieder rhythmische Piepsen signalisiert hatte, dass sie es geschafft hatten, den Professor zurückzuholen, hatte sie sich für ein paar Sekunden am Bett festhalten müssen. Sie war so erleichtert gewesen, dass ihr die Beine fast den Dienst versagt hatten; es hatte einen Moment gedauert, bis sie sich so weit unter Kontrolle gehabt hatte, dass ihre zitternden Knie sie wieder trugen.

Ein Blick zu ihrem Vorgesetzten hatte ihr gezeigt, dass Jaschke auf einen Stuhl gesackt war, in dem Moment, in dem der Monitor wieder eine regelgerechte Herztätigkeit angezeigt hatte. Zusammengesunken, die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben, hatte er für eine halbe Minute reglos dagesessen, bevor er sich schließlich einmal mehr aufgerappelt hatte und zu ihr ans Bett zurückgekehrt war.
Woher er die Kraft genommen hatte, sich nach diesem schrecklichen Tag, nach diesen emotionalen Achterbahnfahrten immer noch derartig unter Kontrolle zu halten, ja, sich überhaupt noch aufrecht zu halten, war ihr fast unverständlich gewesen.
Etwas hilflos hatte sie seinen Arm gedrückt, woraufhin er sie müde angesehen und dann mit einem dankbaren Nicken reagiert hatte. Worte waren nicht nötig gewesen in dem Moment.



Ihre Kollegen hatten schweigend damit begonnen, alle Gerätschaften, die für die Reanimation gebraucht worden waren, wegzuräumen und den entstandenen Müll entsorgt. Und wie sie es schon erwartet hatte, hatte Jaschke es wieder einmal übernommen, mit ihr zusammen Professor Boerne zu versorgen.
Vorsichtig hatten sie den bewusstlosen Mann ein wenig auf die Seite gedreht, das harte Plastikbrett unter seinem Rücken hervorgezogen und ihn wieder bequem gelagert. Danach hatte Jaschke ihn gründlich untersucht, war doch die Gefahr groß gewesen, dass es durch die Panikattacke und die nachfolgenden Wiederbelebungsmaßnahmen zu Nachblutungen im OP-Gebiet oder Verletzungen des Brustkorbs gekommen war.

Zu ihrer Erleichterung hatte sich diese Sorge als unbegründet herausgestellt und schließlich hatte Jaschke, all seiner Erschöpfung zum Trotz, einmal mehr seinen Stuhl neben das Bett gezogen und seine Wache wieder aufgenommen.


Ihre leise Bitte, sich selber etwas auszuruhen, hatte er ignoriert, sie hatte ihn nicht dazu überreden können, sich von der Seite seines Freundes wegzubewegen. Und sie hatte ihn verstehen können, sie hatte es ebenfalls nicht über sich gebracht, das Zimmer zu verlassen.

Statt einen wohlverdienten Kaffee trinken zu gehen, war sie an das Krankenbett zurückgekehrt, hatte wieder einmal einen Waschlappen angefeuchtet und damit sacht Professor Boernes Gesicht abgewischt. Dabei hatte sie gemerkt, dass ihre Hände immer noch zitterten, und daran war nicht der medizinische Notfall schuld gewesen. Es war vielmehr das, was dazu geführt hatte.
Sie kannte ihn nicht, aber die schlicht unbeschreibliche Sorge und Angst um seine Assistentin, die diesen Mann quälte, berührte sie, wie sie selten etwas in ihrem Beruf berührt hatte.


Ihrem Vorgesetzten schien das nicht entgangen zu sein; sie war zusammengefahren, als plötzlich ein fragendes "Anja? Was ist los mit Ihnen?", in ihrem Rücken erklungen war.
Sie hatte gedacht, sie hätte sich so gut unter Kontrolle, dass niemand bemerken würde, wie aufgewühlt sie war. In diesem Moment hatte sie sich darüber geärgert, dass sie sich so unprofessionell verhalten und derartig von den Geschehnissen erschüttern lassen hatte; unangenehm berührt hatte sie sich zu ihm umgedreht und sich gefragt, was jetzt kommen würde. Doch nach einem kurzen Blick in sein Gesicht hatte sie sich wieder entspannt. Er hatte nicht unwillig gewirkt oder gar entnervt, nur müde und erschöpft. Und auch um sie besorgt.
Und ohne groß nachzudenken, war sie in dem Moment einfach damit herausgeplatzt, was ihr durch den Kopf gegangen war. "Er wird fast verrückt aus Angst um Frau Haller. Und sie soll nur seine Assistentin sein?? Das kann mir keiner erzählen!"


Jaschke hatte sie daraufhin so ungläubig angeschaut, dass sie sich erschreckt gefragt hatte, ob sie mit ihrer Aussage zu weit gegangen war. Schließlich wusste sie rein gar nichts über Professor Boerne; vielleicht war er verheiratet, vielleicht sogar Familienvater, und sie hatte ihm gerade praktisch unterstellt, dass er etwas mit seiner Kollegin hatte…
Doch ein leises „Sie haben das ganz richtig beobachtet“, ihres Vorgesetzten hatte ihre rasenden Gedanken abrupt zum Stillstand gebracht.
Ein leichtes Lächeln war dabei  über sein Gesicht gehuscht. "Er liebt sie. Und sie liebt ihn auch.“ Doch dann hatte er kurz, wie resignierend, mit den Schultern gezuckt. „Nur leider haben sie bis jetzt nie den Mut aufgebracht, sich das selbst einzugestehen.“ Mit einem tiefen Seufzen hatte er schließlich den Blick zurück auf seinen schwerkranken Freund gerichtet, war ganz leise geworden. „Und nun wäre es beinah zu spät gewesen.“

Sie hatte darauf nichts zu erwidern gewusst und mitfühlend beobachtet, wie er erschöpft und gedankenverloren auf den Mann im Bett starrte. Und gerade als sie sich dem Patienten ebenfalls wieder zuwenden wollte, hatte Jaschke noch ein kaum verständliches „Gott sei Dank haben sie noch eine Chance bekommen. Ich hoffe, sie nutzen sie", gewispert.
In dem Moment war ihr ein Schauer über den Rücken gelaufen.




Professor Boerne war nach dem Zwischenfall noch eine ganze Weile besinnungslos gewesen und sie hatte sich stillschweigend der Hoffnung hingegeben, dass nun das Schlimmste überstanden sei. Aber als sie nach einer ihrer Kontrollrunden durch ihre anderen Patientenzimmer wieder an seine Seite zurückgekehrt war, hatte sie feststellen müssen, dass diese Hoffnung vergebens gewesen war.
Auch wenn der Kranke nach den dramatischen Strapazen eine Stunde zuvor zu schwach gewesen war, sich zu rühren, war er eindeutig einmal mehr in seinem Alptraum gefangen gewesen. Wieder und wieder hatten seine bleichen Lippen Frau Hallers Namen geformt; wieder war ihm keine Ruhe mehr vergönnt gewesen.

Niedergeschlagen hatte sie sich gefragt, wie es nun weitergehen solle, als eine einzelne Träne aus seinem Augenwinkel geronnen war und eine glänzende Spur auf seinem grauen, eingefallenen Gesicht hinterlassen hatte.
In dem Moment war Jaschke aus seinem Stuhl hochgeschnellt. Behutsam, mit zittrigen Fingern, hatte er den silbrigen Tropfen abgewischt; dann war er herumgefahren und mit einem heiseren: „Ich werde mir diese Quälerei keine Sekunde länger mit ansehen!“, an ihr vorbei und aus dem Raum gestürmt.


Sie war ihm umgehend gefolgt, wovon er auszugehen schien, denn ohne sich auch nur einmal zu ihr umzusehen, hatte er ein halbes Dutzend Anweisungen an sie herausgefeuert. Als klar war, was er von ihr wollte, war sie sogleich zum Medikamentenschrank abgeschwenkt, während er sich das Telefon geschnappt und auf der Station angerufen hatte, auf der die Kollegin von Professor Boerne untergebracht war.


Sie hatte, wie er es von ihr gefordert hatte, alle Medikamente zusammengeholt, die gebraucht wurden, um Professor Boerne erneut zu sedieren. Wieder bei ihm im Zimmer, hatte sie das Beatmungsgerät vorbereitet, das leider notwendig werden würde, sollten sie ihn in einen künstlichen Tiefschlaf zurückversetzen müssen. Als sie damit fertig gewesen war, hatte sie sich wieder dem Kranken zugewandt.

Und hier stand sie nun, wischte, wie schon so oft in dieser Nacht, mit einem weichen Tuch ganz vorsichtig über sein angespanntes Gesicht und seinen fieberglühenden Oberkörper, in dem Versuch ihn etwas herabzukühlen und murmelte dabei leise, beruhigende Worte vor sich hin, immer in der Hoffnung, endlich zu ihm durchzudringen.
Doch natürlich gelang es ihr nicht.



Sie blickte auf, als sich die Tür öffnete und Professor Jaschke in Begleitung einer ihr unbekannten Frau in den Raum trat.
Es gab keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um die Assistentin des Professors handeln musste. Die überwältigende Verzweiflung, die den Kranken so sehr quälte, spiegelte sich in ihrem leichenblassen, übermüdeten Gesicht. Mit schnellen Schritten eilte sie auf das Bett zu, wirkte so unglücklich, dass es ihr Magen zusammenzog.
„Ich habe dem Professor immer wieder gesagt, dass Sie auf dem Weg sind und er sich keine Sorgen mehr machen soll.“ Die Worte sprudelten einfach aus ihr heraus, bevor sie sich hatte stoppen können, obwohl ihr im gleichen Moment klar wurde, dass sie in keiner Weise trösten konnten. Dennoch richteten sich die ausdrucksstarken, vom Weinen geröteten Augen der kleinen Frau auf sie und der Dank, den sie wisperte, kam aus tiefster Seele, da war sie sicher.

Professor Jaschke hatte derweil ein Bettgitter herabgeklappt. Vorsichtig half er der Kollegin des Kranken nun auf die Bettkante und kaum dass sie an seiner Seite saß, konzentrierte sie sich nur noch auf ihren Vorgesetzten. Wieder und wieder streichelte sie zärtlich sein Gesicht, hielt seine Hand und begann, leise zu ihm zu sprechen.


Frau Haller bemerkte die vielen Tränen, die ihr dabei über das Gesicht liefen, wahrscheinlich gar nicht mehr. Noch bedrückender als das war allerdings zu beobachten, wie ihre Hand zitterte, als sie die schlanken Finger des bewusstlosen Mannes vorsichtig drückte und dabei heiser flüsterte, es täte ihr leid.
Sie schien sich massive Vorwürfe zu machen. Das warum war allerdings ein Rätsel – die Kollegen des Spätdienstes hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass es einzig und allein ihren unbeschreiblichen Mühen zu verdanken war, dass Professor Boerne die Nacht in Gefangenschaft überlebt hatte und nicht innerhalb kürzester Zeit an den Folgen seiner schwerwiegenden Verletzung gestorben war.
Dennoch hingen ihre Schuldgefühle wie eine dunkle Wolke über ihr, ihre Verzweiflung war fast mit Händen zu greifen. Gleichzeitig aber war da eine solche Liebe in jedem ihrer gewisperten Worte, in jeder ihrer behutsamen und dabei so müden Bewegungen, dass es ihnen, die hilflos daneben standen, als sie sich nun ein weiteres Mal so sehr für den Verletzten aufrieb, die Kehle zuschnürte - besonders, da es eine ganze Weile so aussah, als ob er ihre Anwesenheit nicht registrieren würde.
Dennoch versuchte sie unermüdlich, ihn zu beruhigen, zu ihm durchzudringen.


Jaschke ließ die beiden Menschen auf dem Bett keine Sekunde aus den Augen. Er hatte sich wie sie in die Ecke des Raumes zurückgezogen und sie konnte spüren, dass er immer unruhiger wurde. Sie wusste, er stand ganz kurz davor, die erschöpfte Frau zurück auf ihr Zimmer bringen zu lassen und seinen Freund erneut zu sedieren, damit ihrer beider Quälerei endlich ein Ende hatte.
Doch genau in diesem Moment bewegte Professor Boerne ein wenig den Kopf, drehte sich eindeutig in Richtung seiner Assistentin. Erregt richtete die kleine Frau sich auf und sprach umso eindringlicher auf ihn ein. Und nach ein paar bangen Sekunden, in denen es so aussah, als sei das doch nur eine zufällige Bewegung gewesen, antwortete er ihr tatsächlich.
Es war die verzweifelte Bitte, ihn nicht wieder allein zu lassen, mehr gehaucht als gesprochen, kaum zu verstehen gewesen. Aber er hatte sie erkannt, hatte wahrgenommen, dass sie bei ihm war und ihr stellten sich die Härchen an den Armen auf, als die Frau, die so viel mehr war als seine Assistentin, sich mit einem erstickten Schluchzen zu ihm hinabbeugte, ihm einen Kuss auf die Schläfe hauchte und ihm leise die Versicherung ins Ohr wisperte, dass sie unter keinen Umständen fortgehen würde.

Professor Boerne hatte nicht mehr genug Kraft, eine Antwort zu formulieren. Alles was er noch hervorbrachte, war ein leises Seufzen, dann schlief er erschöpft wieder ein.
Doch zum ersten Mal seit Stunden wirkte sein bleiches Gesicht entspannt.


Jaschke neben ihr hatte es nicht mehr an seinem Platz gehalten, als sein Freund sich endlich geregt hatte. Mit ein paar schnellen Schritten hatte er den Raum durchmessen und war zu ihm ans Bett geeilt. In dem Moment, in dem der Kopf des Verletzten ganz langsam zurück auf die Seite sank und Frau Haller mit Freudentränen in den Augen zu ihm aufblickte, zog er sie an sich.
Einen Augenblick lang versuchte sie noch, Haltung zu bewahren, doch dann sackte sie ein Stückchen in sich zusammen, hielt sich an ihm fest und es war nicht zu übersehen, wie ihre Schultern bebten, als sie aus lauter Erleichterung leise zu schluchzen begann.

Eine ganze Weile stand Jaschke dort neben dem Bett und rieb ihr in beruhigenden Kreisen über den Rücken. Irgendwann hatte sie sich dann so weit beruhigt, dass er sich vorsichtig ein Stückchen von ihr löste und besorgt hinunter in ihr Gesicht sah. "Sie müssen sich unbedingt wieder hinlegen. Sie sehen schrecklich aus."
Es war ihr klar, wie Frau Hallers Antwort lauten würde, noch bevor die Rechtsmedizinerin sie formuliert hatte. „Ich werde hier nicht weggehen. Ich habe es ihm versprochen." So mitgenommen sie auch aussah, wirkte sie dabei so eisern entschlossen, sie würde sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen lassen. Das war eindeutig.


Jaschke runzelte die Stirn, Besorgnis und Verständnis gleichermaßen spiegelten sich in seinem Gesicht „Silke, er ist total entkräftet. Ich bin sicher, dass er in den nächsten Stunden nicht aufwachen wird.“ Er fuhr sich durch die Haare, konnte seine eigene Müdigkeit kaum verbergen. „Ruhen Sie sich aus. Sobald es Anzeichen gibt, dass er wieder zu sich kommt, werden wir Sie rufen.“

Sie hatte schon begonnen, den Kopf zu schütteln, als er noch mitten im Satz gewesen war. „Ich werde ihn nicht allein lassen, egal was Sie sagen. Und was das schrecklich aussehen angeht… schauen Sie mal in den Spiegel.“
Ein schwaches Lächeln huschte bei diesen Worten über ihr Gesicht, doch Jaschke schien zu erschöpft, um es zu erwidern. Er seufzte lediglich tief. „Silke, bitte. Eigentlich hätte ich Sie niemals wecken lassen dürfen, nach dem Trauma, das Sie durchlebt haben. Jeder Kollege, der etwas von Psychologie versteht, wird mich deshalb in den nächsten Tagen einen Kopf kürzer machen." Er wirkte ebenso besorgt um sie, wie um seinen Freund, als er sie eindringlich beschwor: „Bitte denken Sie nicht nur an ihn. Vernachlässigen Sie Ihren eigenen Zustand nicht.“

Sie nickte langsam, als sie ihm leise versicherte: „Ich werde für mich sorgen, ich verspreche es. Wenn ich sicher sein kann, dass er sich erholt."
Ihre Stimme zitterte ein wenig, die Angst, dass sein Zustand sich wieder verschlechtern könnte, war nicht zu überhören. Dennoch machte ihr Tonfall eindeutig klar, dass sie Professor Jaschkes Bitte ernstnahm, und gleichzeitig schwang die unerschütterliche Entschlossenheit darin mit, sich nicht von ihren Vorhaben abbringen zu lassen.


Es war schon erstaunlich, wie Frau Haller sich wieder unter Kontrolle hatte. Langsam wurde ihr klar, was die Assistentin des Professors durch diese Horror-Nacht getragen hatte: ihre innere Stärke überstieg ihre Körpergröße um ein Vielfaches.

Jaschke nickte nur wortlos, er schien zu wissen, dass er geschlagen war. Er drückte noch kurz ihre Schultern, bevor er sich dann vom Bett abwandte und einmal mehr wortlos auf den Stuhl kollabierte, den er schon so viele Stunden dieser langen Nacht okkupiert hatte.
Die Frau auf der Bettkante dagegen drehte sich Professor Boerne zu und nahm ihre Wache wieder auf.



Nun, nachdem sein Freund endlich ein wenig zur Ruhe gekommen war, wurde Professor Jaschke endgültig von seiner Erschöpfung eingeholt. Keine Viertelstunde nach dem Mut machenden, kurzen Gespräch zwischen Frau Haller und dem Verletzten fand sie ihn in sich zusammengesunken und seitlich an die Wand gekippt vor seinen Akten sitzend vor, fest schlafend.
Sie hätte es vielleicht gar nicht gleich bemerkt, wenn Frau Haller nicht aufgeblickt hätte, als sie einmal mehr das Zimmer betrat, einen Finger auf die Lippen gelegt und dann in Richtung des Tisches gewiesen hätte.

Für einen Moment verblüfft war sie ins Stocken gekommen, hatte ihn angesehen und sich gefragt, wie sie nun vorgehen solle. Doch dann hatte sie mit den Schultern gezuckt und sich entschieden, ihn einfach schlafen lassen.
Als sie sich zu Frau Haller zurückwandte, tauschte diese ein wissendes Lächeln mit ihr aus. Sie waren sich zweifelsfrei einig darin, dass es ein hoffnungsloses Unterfangen sein würde, ihn aufzufordern, endlich heimzufahren und sich auszuruhen.



Frau Haller hatte schon einige Zeit zuvor den Waschlappen an sich genommen und beschäftigte sich nun an ihrer statt damit, dem Kranken immer wieder vorsichtig die Stirn und den Oberkörper abzuwischen. Und davon ließ sie sich nicht abbringen - auf die eindringliche Bitte hin, nach all dem, was ihr widerfahren war, nicht auch noch die Arbeit des Pflegepersonals zu übernehmen, sondern sich so gut es ging auszuruhen, hatte sie nur müde den Kopf geschüttelt und geflüstert, dass diese Kleinigkeit keine Arbeit sei und dass das Gefühl, ihm zu helfen ihr guttun und sie vor allem etwas ablenken würde.

Sie hatte schlucken müssen bei dem Ausdruck, der bei diesen Worten in Frau Hallers Augen gelegen hatte. Auch wenn Professor Boerne sich seit seiner Einlieferung ein Stück weit stabilisiert hatte, war sein Zustand weiterhin als kritisch anzusehen und konnte sich jederzeit wieder dramatisch verschlechtern. Er war noch nicht außer Lebensgefahr. Und das wusste die Medizinerin ganz genau.

Gerne hätte sie in diesem Moment etwas gesagt, das Frau Haller die Situation erleichtern würde; aber sie wusste beim besten Willen nicht, was. Eine dieser typischen, nichtssagenden Platituden zu murmeln, kam für sie nicht in Frage, das hatte sie schon immer verabscheut. Und sie würde sicher nicht soweit gehen, zu versprechen, dass alles gut werden würde – das konnte niemand.
Also hatte sie geschwiegen. Und Frau Haller hatte sie verstanden.




Um der Rechtsmedizinerin und den beiden erschöpften Männern möglichst viel Ruhe zu lassen, zog sie sich nun so lange wie möglich in die zentrale Patientenüberwachung zurück und behielt auf den dort installierten Monitoren die Vitalzeichen des Kranken im Auge. Eine Weile konnte sie wirklich dort verharren, ohne jemanden stören zu müssen. Aber schließlich blieb ihr nichts anderes übrig, als doch wieder ans Bett zurückkehren, um wichtige Arbeiten zu erledigen, die ihr vom Schwesterndienstplatz aus einfach nicht möglich waren.

Als sie sich deshalb einmal mehr auf den Weg zum Professor machte, hielt sie ein halbes Dutzend Perfusorspritzen mit lebensnotwendigen Medikamenten in den Händen, außerdem eine kleine Wasserflasche für die Rechtsmedizinerin. Doch als sie das Zimmer betrat, musste sie feststellen, dass Frau Haller das Wasser im Augenblick nicht gebrauchen konnte. Auch sie hatte den Kampf gegen ihre Müdigkeit verloren und war eingeschlafen; nur leider saß sie immer noch neben dem Patienten.

Spritzen und Flasche achtlos in Richtung des leeren Bettes feuernd, sprintete sie nach vorn und bekam die kleine Frau, deren Oberkörper sich wie in Zeitlupe nach vorne neigte, gerade noch früh genug zu fassen, um zu verhindern, dass sie mit dem Gesicht voran von der hohen Bettkante stürzte.
Noch während sie sich mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen die Abwärtsbewegung der Schlafenden stemmte, rief sie ihren Vorgesetzten um Hilfe an, der - wie sie aus dem Augenwinkeln wahrnahm –  aus dem Schlaf aufschreckte und dann sichtlich benommen zu ihr hinüberblickte.
Eilig verstärkte sie ihren Griff um die erschlaffte kleine Frau, versuchte gleichzeitig, sie wachzurütteln und rief dabei erneut Professor Jaschkes Namen, lauter diesmal. Und mit Erfolg, endlich hatte er realisiert, in welchen Schwierigkeiten sie steckte und sprang von seinem Stuhl hoch. Doch das beachtete sie kaum noch, denn in diesem Moment ertönte plötzlich eine leise, aber zweifellos entsetzte Stimme neben ihr: „Silke… was… ist mit ihr?“


Bestürzt riss sie den Kopf herum und blickte in das leichenblasse Gesicht Professor Boernes, der mit unübersehbarer Panik in den Augen auf seine Assistentin starrte und in einer zittrigen Bewegung den Arm nach ihr ausstreckte, in seiner offensichtlichen Sorge sogar versuchte, sich aufzurichten. Doch das gelang ihm nicht. Mit einem erstickten Keuchen stürzte er zurück auf die Matratze, kniff die Augen zu und krümmte sich stöhnend zusammen.
Seine Aufregung, die starken Schmerzen und die Anstrengung ließen die Zahlen für Blutdruck und Puls auf dem Monitor wieder dramatisch nach oben schnellen und ihre Stimme überschlug sich fast, als sie hastig versuchte, ihn zu beruhigen: „Machen Sie sich keine Sorgen, sie schläft nur! Sie ist total erschöpft!!“

Frau Haller in ihrem Arm war indes immer mehr in sich zusammengesunken, sie konnte sie kaum noch halten. Erleichtert registrierte sie aber in diesem Moment, dass Jaschke inzwischen unmittelbar neben ihr stand.
Er verschwendete keine Zeit mit dem Versuch, die Rechtsmedizinerin zu wecken, sondern fasste mit beiden Händen unter ihre Achseln und wies ruhig an: „Wir müssen sie kurz ablegen, sonst rutscht sie uns von der Matratze.“ Nach einem flüchtigen Blick auf den immer noch leise keuchenden Mann im Bett fügte er hinzu: „Karl, beiß' die Zähne zusammen, jetzt ruckelt es vielleicht etwas."


So behutsam wie möglich ließen sie Frau Haller neben dem Verletzten auf das Kissen sinken. Doch all ihrer Vorsicht zum Trotz konnte der extrem angespannte Professor Boerne ein leises Wimmern nicht unterdrücken, als die Matratze sich durch das Gewicht der Rechtsmedizinerin etwas absenkte. Dennoch zwang er sich unter Aufbietung all seiner Kräfte, die Augen wieder zu öffnen und suchte hektisch den Blick des Oberarztes. Jaschke, der bei dem unterdrückten Schmerzgeräusch mitfühlend das Gesicht verzogen hatte, beantwortete eilig die verzweifelte Frage, die der Verletzte, ganz ohne ein Wort zu sagen, praktisch herausschrie: „Es ist wirklich alles gut! Sie ist einfach nur todmüde.“
Für einen Moment irrte Professor Boernes unruhiger Blick noch zwischen der kleinen Frau und seinem Freund hin und her, doch schließlich erschlaffte er und sackte zurück in seine Kissen, während ihm ein erschöpftes Seufzen über die Lippen kam.


Erleichtert ließ sie den Atem entweichen. Es tat unsagbar gut, ihn wach und klar zu sehen, zu sehen, dass er sie verstand und sich auf Jaschkes Worte hin tatsächlich etwas entspannte.
Auch Jaschke lächelte sichtlich erleichtert und drückte sacht den Arm seines Freundes, als dessen Augen sich langsam wieder schlossen.
Danach blickte der Arzt auf zu ihr und machte eine leichte Bewegung mit dem Kopf Richtung Tür. „Bitte holen Sie einen Rollstuhl, Anja. Sie kann auf keinen Fall zu Fuß zurück auf ihr Zimmer gehen, wir müssen sie fahren."
Sie nickte und machte sich sogleich auf den Weg, während Jaschke sich Frau Haller zuwandte, eine Hand auf ihre Schulter legte und sie mit einem leisen: „Silke, wachen Sie auf“, ganz leicht schüttelte.
Doch er verharrte mitten in der Bewegung, als der Verletzte im Bett sich einmal mehr regte und in einer schwachen, kraftlosen Geste seinen Arm ausstreckte. "Nein, bitte… ...lass sie hier… …bei mir.“ Es gelang ihm kaum mehr, die Augen wieder zu öffnen.


Verwundert trat sie zurück an das Bett, während Professor Jaschke sorgenvoll die Stirn runzelte, als er in das bleiche, noch wieder wesentlich angespanntere Gesicht des Kranken sah. „Karl, sie ist vollständig erschöpft. Wir müssen sie auf ihr Zimmer bringen.“ Er griff die glühende Hand seines Freundes, die unbeholfen nach der kleinen Frau tastete und drückte sie ermutigend, als er ihm leise versicherte: „Euch kann nichts mehr passieren, ihr seid in Sicherheit. Lass sie gehen, ich verspreche dir, ich bleibe bei dir.“
Doch Professor Boerne schüttelte mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf. „Nein…“ Er kämpfte mit aller Kraft darum, seinen Freund weiter anzusehen. „Nein… …nicht wecken…“ Es schien ihm schwerer und schwerer zu fallen, seine heiseren Worte hervorzupressen. „…schlafen lassen... …hier bei mir.“ Bei diesem Worten drehte er mühsam den Kopf und wies mit dem Kinn auf seinen ausgestreckten Arm.
Dann aber, so sehr er sich auch dagegen wehrte, sanken seine Lider ganz langsam wieder herab.

Sie hingegen riss die Augen auf, denn in diesem Moment war ihr klar geworden, worauf Professor Boerne abzielte. Und auch ihrem Vorgesetzen war offensichtlich ein Licht aufgegangen.
Mit der Erkenntnis, was alles hinter der flehentlichen Bitte seines Freundes steckte, breitete sich ein ungläubiges Lächeln auf dem Gesicht des Mediziners aus, das aber in Sekundenschnelle einem Ausdruck von Mitgefühl und Bedauern wich. „Karl…“ Frustriert fuhr er sich durch die Haare, als er nach einem tiefen Atemzug flüsterte: „Das kann ich auf keinen Fall verantworten. Das lässt dein Zustand nicht zu.“


Sie hatte befürchtet, dass er so reagieren würde - doch zum ersten Mal, seit sie Professor Jaschke kannte, war sie überzeugt davon, dass er die falsche Entscheidung getroffen hatte.
Ihre Gedanken rasten, als sie beobachtete, wie er die Hand des Verletzten erneut drückte und sich noch etwas weiter über ihn beugte. „Sie kann hier nicht liegen bleiben. Nicht so nah bei dir, in deinem Arm. Du hast noch starke Schmerzen, was, wenn sie sich bewegt… wenn sie dich stößt…“
Das „Was, wenn es dir plötzlich wieder schlechter geht?“, sprach Jaschke zwar nicht laut aus, aber sie wusste genau, es war der Hauptgrund, warum er Professor Boernes Wunsch nicht nachkommen wollte.

Es schien ihm selbst schwerzufallen, seinem schwerkranken Freund diese Bitte abzuschlagen. Er schloss gequält die Augen, als Boerne ein letztes, nahezu unverständliches „…bitte...“, wisperte und schaute dann wie hilflos auf zu ihr. In dem Moment konnte sie nicht anders, als einmal mehr unüberlegt mit ihrer Meinung herauszuplatzen: „Ich glaube, Sie machen sich zu viele Sorgen.“
Sie musterte die kleine Frau, die weiterhin reglos neben dem Verletzten im Bett lag und wisperte dann voller Überzeugung: „Sie wird ihm nicht wehtun. Sie wird ihm guttun.“

Als sie den Blick wieder hob, sah sie, dass Jaschke sie mit einem undefinierbaren Ausdruck in den Augen anstarrte. Und dann, ganz langsam, nickte er. „Also gut.“

Er drehte sich zum Patienten im Bett zurück und flüsterte eindrücklich: „Wir versuchen es. Aber in dem Moment, in dem es Schwierigkeiten gibt, lasse ich sie wecken und auf ihr Zimmer bringen. Das musst du verstehen.“


Professor Boerne antwortete nicht mehr, nickte lediglich kaum merklich mit dem Kopf. Aber das schien Jaschke als Zustimmung zu genügen.
Er streifte sie mit einem kurzen Blick und schob vorsichtig seine Hände unter Frau Hallers Schultern, als er leise anwies: „Ich nehme den Oberkörper, Sie die Beine.“
Sie nickte sogleich und mit wenigen Handgriffen hoben sie die Rechtsmedizinerin ein paar Zentimeter an und drehten sie ein wenig, lagerten sie vorsichtig an Professor Boernes Seite.


Ihr lief ein Schauer über den Rücken, als die tief schlafende Frau in dem Moment, in dem ihr Kopf an seiner Halsbeuge zu liegen kam, eine Hand auf Professor Boernes Brust legte und sich noch näher an ihn schmiegte, während er in einer kraftlosen Bewegung den Arm um ihre Schulter legte und seinen Kopf so weit auf die Seite sinken ließ, dass er sein Kinn in ihren Haaren vergraben konnte. Es dauerte nur Sekunden, bis er ebenfalls eingeschlafen war.



So bleich und entkräftet die beiden Menschen dort im Bett auch waren, all den medizinischen Geräten und Professor Boernes schlechter Verfassung zum Trotz - ein schöneres und friedlicheres Bild hatte sie lange nicht gesehen.

Sie brauchte ein paar Sekunden, bis sie ihre Augen von dem ruhenden Paar losreißen konnte und ein Blick in Professor Jaschkes Gesicht zeigte mehr als deutlich, dass sie nicht die einzige war, die von dem Anblick gefangen war – er starrte noch unverwandt auf seinen Freund und die Frau in seinem Arm. Und er strahlte.
Schließlich, nach einem tiefen, zittrigen Atemzug, straffte er sich und schaute sie an. Und sie sah seine Augen glänzen, als er leise wisperte: „Sie werden ihre Chance nutzen.“
Sie konnte nicht anders, als zurückzustrahlen.


***


Sie arbeitete noch nicht lange in der Uniklinik, doch in den ersten Wochen hier hatte sie schon einiges erlebt. Diese Nachtschicht allerdings war bislang die extremste gewesen. Ungemein anstrengend. Ungemein aufwühlend.
Ungemein berührend.

Comments

( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
justinterest65
8. Jul 2014 06:01 (UTC)
Menno, auch wenn ich weiß, wie es ausgeht, du schaffst es immer wieder, dass ich bei diesem Teil deiner Geschichte einen Kloß im Hals kriege.

Aber ein paar neue Möglichkeiten, Boerne zu quälen, fallen dir doch sicher noch ein, oder? Wie wäre es mal mit der Gefahr neurologischer Schäden? Muss ja kein Schumacher-Drama sein, nur so ein kleines SHT mit Gefahr subduraler Einblutung vielleicht? *lockrufe ausstoße*
baggeli
8. Jul 2014 06:21 (UTC)
*lol*
Ich könnte noch ein halbes Buch voller Quälereien veröffentlichen, wenn ich es denn geregelt kriegen würde sie aufzuschreiben. Aber daran genau scheitert es.
An seinen Kopf werde ich aber sicher nicht mehr drangehen, als ich es in der Vergangenheit schon getan habe. Schwere SHT gibts bei mir nicht, die Rübe ist zu wichtig. Er hat schon so viel auf seinen Däz bekommen, das muss reichen...
justinterest65
8. Jul 2014 08:40 (UTC)
Ok, auf dem orthopädischen oder internistischen Bereich gibt es genügend Möglichkeiten der Halb-Meuchelei, finde ich. Mit der "schönen Bescherung" gehst du ja schon den orthopädischen Weg.

Das mit dem "Endlich mal Zeit finden" kenne ich nur zu gut *mal auf Ideenstapel schielt* Heute muss ich ja auch nur Aufräumen, Kochen, einen Werbetext für einen Schweizer Auftraggeber schreiben, Mitarbeiter ablösen und WM-Halbfinale-Fahrgäste chauffieren. Je nach Spielverlauf ist dann zwischen Mitternacht und 2 Uhr morgens Dienstschluss *seufz*. Wo soll da also viel Zeit für gute Produktionen bleiben?
baggeli
8. Jul 2014 10:19 (UTC)
Jau, so in etwa ist es hier auch. Freien = Kinder-Dauer-Bespaßung plus Haus etc. plus allerhand cooler Projekte und Aktionen, die im weitesten Sinne mit der Fanseite zusammenhängen... Ich bin selbst ganz fasziniert, das ich in den letzten Wochen mal wieder 10.000 Wörter geschrieben habe.
Und jetzt muss ich endlich mal bei der "Bescherung" weitermachen... damit sie bis Weihnachten fertig ist. ;)

Edited at 2014-07-08 14:16 (UTC)
mara_thoni
8. Jul 2014 16:47 (UTC)
Ich mag den Jaschke :-) und eine nette Mitarbeiterin in der Nachtschicht hat er offenbar auch.

Gut, dass Boerne mal wieder seinen Willen durchsetzt, hier ist das genau richtig.

Ich kann justinterest nur zustimmen, auch wenn man das Ende kennt, die Geschichte fesselt.

Gefällt mir :-D
baggeli
8. Jul 2014 18:20 (UTC)
Ich mag den Jaschke
Ich auch ^^

Gut, dass Boerne mal wieder seinen Willen durchsetzt, hier ist das genau richtig.
Richtig für Silke und auch für ihn. Wobei er jetzt nicht so sehr in der Lage war, irgendetwas durchzusetzen.

Gefällt mir :-D
Danke :D
( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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