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Bingo 2014 - Stille

Titel: Stille
Bingo-Prompt: Stille
Genre: Freundschaft
Zusammenfassung: Selten hatte er sich ein wenig Ruhe so sehr gewünscht wie in diesem Moment. Einfach nur ein paar ruhige Wochen.
Aber keine Stille. Stille war ihm unheimlich.
A.N.: post-ep Mord ist die beste Medizin. Zudem völlig sinnlos.
Wörter: ~700


Es war sehr ruhig im Raum. Die wenigen Geräusche vom Flur drangen nur ganz gedämpft durch die Tür, das geschlossene Fenster schluckte praktisch jeden Schall von draußen; nach den hektischen und unvorhergesehenen Ereignissen der letzten Stunden kam ihm diese nächtliche Stille umso intensiver vor, beinahe bedrückend.

Thiel saß weit zurückgelehnt. Er hatte sich seit einer gefühlten Ewigkeit keinen Millimeter gerührt, er saß wie erschlafft und starrte vor sich hin. Starrte auf den Mann vor sich, der so tief schlief, dass seine flachen Atemzüge trotz der Stille kaum zu hören waren.
Eigentlich gab es keinen Grund für ihn, hier auszuharren zu dieser nachtschlafenden Zeit. Im Präsidium wartete die Vernehmung von Dr. Knapp auf ihn, er hatte seit Stunden nichts gescheites gegessen oder getrunken und sein Körper signalisierte ihm zudem recht deutlich, er sollte jetzt am besten ebenfalls die Augen zumachen. Trotzdem war er sitzengeblieben, auch wenn er selber nicht genau sagen konnte, warum. Er saß einfach nur am Fußende des Bettes und hielt seine einsame Wache. So wie er das nicht einmal zwei Tage zuvor auch schon getan hatte - wenn zu dem Zeitpunkt auch noch mit einem deutlich schlechteren Gefühl im Bauch.
Inzwischen erleichterte ihn zumindest ein Stück weit die  Gewissheit, dass Boerne nicht ernsthaft krank war. Aber trotzdem konnte er das beklemmende Gefühl der letzten Tage noch gar nicht recht abschütteln, das Bild vor ihm war einfach nicht richtig.

Boerne war zu still. Viel zu still. Schon wieder. Thiel konnte diesen Anblick nicht gut ertragen; wie er dort lag, einmal mehr betäubt von den Schmerzmitteln in seiner Infusion und der zweiten Narkose innerhalb viel zu kurzer Zeit. Blass und reglos, mit Schatten unter den Augen und Linien im Gesicht, die ihm vorher so nie aufgefallen waren… und die deutlich zeigten, dass seinem Kollegen im wahrsten Sinne des Wortes mehr in den Knochen steckte, als nur der gebrochene Arm. Mehr als zwei Nächte ohne Schlaf, weil die Zimmernachbarn – wie hatte der Professor es formuliert? - ein Kettensägenmassaker oder auch nächtliche Musikantenstadl- und Kreuzworträtselmarathons veranstaltet hatten.
Nein, jetzt sah man es deutlicher als je zuvor, wie Boerne die letzten Tage zugesetzt hatten.

Genaugenommen wohl nicht nur die letzten Tage, irgendwie waren sie alle seit Wochen nicht richtig zur Ruhe gekommen. Nun gut, die Begriffe Boerne und Ruhe passten ohnehin nicht in einen Satz, mit der Tatsache hatte Thiel sich schon kurz nach seiner Ankunft in Münster abgefunden; aber speziell in der letzten Zeit war es noch um einiges heftiger zugegangen als sonst. Erst der Mord an Songma, der Übergriff in der Rechtsmedizin, infolgedessen Boerne sich in Lebensgefahr schwebend im Krankenhaus und später im Gefängnis wiedergefunden hatte, kurz darauf die Hammermorde und Schusters Sprung in den Tod, den sie nicht hatten verhindern können… Diese unschönen Geschichten waren an ihnen beiden nicht spurlos vorüber gegangen. Und statt dass Boerne nun endlich etwas Ruhe vergönnt gewesen war, hatte die plötzliche Sorge um seine eigene Gesundheit dem Ganzen die Krone aufgesetzt.

Sein Kollege war still gewesen nach dem Mord an der chinesischen Dissidentin. Stiller als Thiel ihn je erlebt hatte, eine Art von Stille, eine Verschlossenheit, die ihn beunruhigt hatte, nicht die, die er sich bei seinem normalerweise dauerpalavernden, überaktiven Kollegen schon so manches Mal gewünscht hatte.
Oh, der Professor hatte seinen Job perfekt erledigt wie immer, vielleicht sogar noch eine Spur verbissener. Spitzzüngig, auf Zack und auf den ersten Blick redselig wie eh und je. Aber es war nur um die Arbeit gegangen, um nichts anderes. Sein Kollege hatte sie alle auf Distanz gehalten; es war eine ziemliche Zeit vergangen, bis der alte Boerne zurückgewesen war. Der lebendige, animierte Boerne, arrogant und ironisch unverschämt und zumindest ein Stück weit offen zu seinen Mitmenschen, speziell Frau Haller und ihm selber gegenüber. Tage hatte es gedauert, oder waren es sogar Wochen gewesen? Auf jeden Fall war es Thiel viel zu lange vorgekommen.

Und auch jetzt, in den letzten paar Tagen, war diese Stille wieder dagewesen; nur hatte er sie zu spät erkannt. Ja, ein paar Andeutungen hatte Boerne gemacht und im Nachhinein kamen sie Thiel wie laute Hilfeschreie vor, aber in dem Moment, in dem sein Kollege sie geäußert hatte, hatte er sie nicht ernstgenommen.
Zu oft schon war ihm das passiert. Wie konnte das sein? Er kannte Boerne doch schon so lange.

Er seufzte und fuhr sich erschöpft durch die Haare. Selten hatte er sich ein wenig Ruhe so sehr gewünscht wie in diesem Moment. Einfach nur ein paar ruhige Wochen.
Aber keine Stille. Stille war ihm unheimlich.

Comments

( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
28. Sep 2014 05:02 (UTC)


Danke, das hat noch gefehlt zu der Episode!

Ordentlicher Kommentar wird nachgeholt, wen wir im Sommer-Challenge Ziel sind ...
baggeli
28. Sep 2014 08:50 (UTC)
Danke! :)
Ordentlicher Kommentar wird nachgeholt, wen wir im Sommer-Challenge Ziel sind ...
Ich würde mich freuen :) Aber ich weiß wie das ist, man kommt dann meistens doch nicht dazu. *lol*
( 2 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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