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Bingo-Story: Namenspatron

Titel: Namenspatron
Bingo-Prompt: Jemandem einen Namen geben
Genre: Freundschaft, etwas Humor
Zusammenfassung: Boerne weiß viel, aber nicht alles.
AN 1: Ich habe mir vorgenommen, noch ein paar Sachen rauszuhauen, bevor diese Bingorunde zu Ende geht. Gegen meine übliche Art könnten das auch mal reine Fragmente werden, Texte komplett ohne Anfang und Ende (und selbst wenn sie beides haben sollten, sind die meisten davon wahrscheinlich unbefriedigend... ). Aber egal, ich habe im Moment keine Energie zu langen Sachen, also kommen kurze. Ideen sind genug vorhanden, es hapert an der Zeit, sie in Ruhe aufzuschreiben. RL macht in der letzten Zeit viele Striche durch meine Rechnungen.
Wie immer ohne Beta, weiß der Geier, was sich da noch für Fehler tummeln.
AN 2: Diese Gegebenheit, um die die Geschichte spielt, kennen einige von euch. Nicht aus dem Tatort, aber von mir. Egal. In Fanfiction ist alles erlaubt...
Wörter: ~1100


Ganz gegen seine übliche zurückhaltende Art beugte sich Thiel begeistert vor, wusste nicht, wohin er zuerst schauen sollte. Fasziniert erforschte er mit seinen neugierigen Blicken jeden Winkel, jede Pflanze, als hätte er solch eine Szene noch nie gesehen. Stumm nahm er den Anblick der kleineren und größeren, mit Flechten und Moos bewachsenen Steine in sich auf, die sich vor ihm hochtürmten, fixierte die weit verzweigten, malerisch aus diesen Steinen herausragenden Wurzeln, denen ebenfalls Moos anhaftete. Saftiges, grünes Gras wiegte sich sacht am Boden, überragt von kleinere Pflanzen, die an den Steinen hochkrochen, deren Ritzen füllten, und größeren, die sich weiter hinten angesiedelt hatten und nach oben zum Licht strebten. Es kam ihm vor, als stünde er vor einer verwunschenen Waldlichtung an einem alten Steinbruch, in dem der Wind vor Ewigkeiten ein paar uralte, morsche Bäume umgeweht hatte.
Er versuchte, alles wahrzunehmen, tauchte ganz in den Anblick vor sich ab, tauchte ein in den Mikrokosmos, der dort vor ihm auf der Arbeitsplatte stand. Er hatte Aquarien schon immer gemocht, aber dies war eins, wie er es noch nicht gesehen hatte.

Im wirklich glasklaren Wasser bewegten sich die schmalen, grasartigen Halme des niedrigen Bodendeckers vorn an der Scheibe nur wenig, den größeren, fleischigeren Blättern der an den Steinen und den dahinter hervorragenden, höherwachsenden Pflanzen dagegen merkte man die Strömung, die im Becken herrschte, eher an.  Ein Fischschwarm stand ruhig, fast majestätisch in der Mitte des Aquariums. Die bläulich metallisch-glänzenden Tiere mit den kräftig rotgefärbten Flossen gefielen Thiel wirklich sehr. Aber als mindestens ebenso faszinierend empfand er die Garnelen, die eifrig durch Moos und Gras wuselten, auf den wenigen freien Stellen des Bodens die kleinen Kieselsteine anhoben und geschäftig nach Futterresten suchten. Oder die Schnecken mit dem lustigen Namen – wie hatte Boerne sie genannt? Posthörnchen? – die sogar mit dem Haus nach unten an der Wasseroberfläche entlangkriechen konnten und sich dann irgendwann wie ein Fallschirmspringer ohne Fallschirm zurück auf den Boden sinken ließen.

Schließlich, nach einer Ewigkeit, richtete er sich auf und drehte sich anerkennend um. „Das ist echt stark geworden, Frau Haller! Als Sie das Ding vor ein paar Wochen aufgestellt haben, war das so kahl, ich dachte, das wird ja nie was. Aber is‘ ja irre zugewuchert! Hammer!“
Die angesprochene kleine Frau strahlte. „Gut Ding will Weile haben, Herr Thiel. Besonders in der Aquaristik. Außerdem hat der Chef es als persönliche Herausforderung angesehen, die optimale Düngermenge für dieses Becken herauszufinden. Ohne seine Hilfe sähen die Pflanzen sicherlich nicht so aus. Von den Algen, mit denen ich früher immer wieder zu kämpfen hatte, mal ganz zu schweigen.“ Sie warf einen eindeutig dankbaren Blick zu Boerne, der mit verschränkten Armen an der Wand neben dem Aquarium lehnte und ein amüsiertes, fast liebevolles Schmunzeln im Gesicht hatte.

Als er ihren Blick bemerkte, ließ er die Arme fallen und richtete sich auf. „Nun stellen Sie ihr Teelichtchen mal nicht unter den Scheffel, Alberich. Vermutlich hätten Sie auch ohne meine Hilfe etwas einigermaßen Ansehnliches aus diesem Aquarium gezaubert." Doch dann korrigierte er sich. "Möglicherweise. Unter Umständen." Er stieß sich von der Wand ab und ging zurück in Richtung des Mikroskops, nicht ohne ihr dabei zuzuzwinkern.
Thiel schüttelte grinsend den Kopf, als Frau Haller sichtbar amüsiert über Boernes so typisch überheblichen Spruch auflachte, schaute aber zurück, weil er aus den Augenwinkeln eine schnelle Bewegung im Aquarium wahrgenommen hatte. Ein dunkler Schatten war unter dem satten Grün der überhängenden Pflanzen vorbeigehuscht in die hintere Ecke des Beckens.
„Hey, was war das denn? Ist da noch was Großes drin?“ Verwundert beugte Thiel sich nach links und blickte statt von vorn durch die Seite ins Becken. Und dann sah er es. „Meine Herren, das is ja 'n Brummer!" Fasziniert starrte er auf einen großen, dunkelbraunen Fisch mit hellen Flecken und jeder Menge Stacheln über dem Maul. Anders wusste Thiel zumindest nicht, wie er die seltsamen Auswüchse beschreiben sollte, die das Tier da am Kopf trug. Der sicher 10 cm lange Fisch hatte sich in halber Höhe an der Scheibe festgesaugt und verharrte dort reglos, während sich sein weit geöffnete Maul und seine Kiemen leicht  bewegten.

Frau Haller trat neben ihn. "Ah, Sie haben meinen Liebling entdeckt!" Wieder lächelte sie, als sie animiert erläuterte: "Das ist ein richtiger Methusalem, ich habe ihn schon viele Jahre. Ein Antennenwels."
Thiel schnaubte amüsiert. "Na das passt!" Treffender konnte man das kuriose Tier wohl kaum bezeichnen.
"Ach Alberich, bleiben Sie doch bitte beim lateinischen Namen", ertönte da die Stimme des Professors in ihrem Rücken.

Wie auf Kommando wandten Thiel und Frau Haller sich zu Boerne um. Der Rechtsmediziner hatte mit einem Objektträger herumhantiert, sah sie aber im Moment über den Rand seiner Brille hinweg geradezu vorwurfsvoll an. "Im Gegensatz zum Männchen hat das Weibchen praktisch keine Antennen, die Bezeichnung ist völlig irreführend.“ Er schob die Brille mit einem Finger hoch. "Es handelt sich hier um einen Ancistrus, genauer gesagt um einen Ancistrus spec, soviel Zeit muss sein. Er fällt im Falle des Männchens sowohl durch seine Antennen wie generell auch vor allem durch sein ausladendes Maul auf. Ausgewachsen wird er bis zu 14 cm groß und kann bei guter Pflege 19 Jahre alt werden. Die hat ihn unsere Alberich hier ihm eindeutig zukommen lassen." Er schien nun mit seinen Belehrungen am Ende zu sein und mit einem: "Allerdings ist es dennoch verwunderlich, dass dieses alte Tier den Umzug von ihrer Wohnung hierher in unser Aquarium so gut überstanden hat", wandte er sich wieder seinem Mikroskop zu.

Thiel grinste, als Frau Haller spielerisch seufzte. "Schon gut Chef, wie immer haben Sie Recht." Ihre Augen funkelten spitzbübisch, als sie sich ihm wieder zudrehte. "Dieser Ancistrus", sie betonte den Fachbegriff überdeutlich, "ist ein recht widerstandsfähiger Geselle, unterschätzen Sie ihn nicht. Und übrigens ist er der einzige Fisch im Becken, der einen Namen hat."
Thiel bemerkte, wie Boerne verwundert von seiner Arbeit aufblickte. Offensichtlich war diese Tatsache ihm neu. Frau Haller reagierte aber gar nicht auf ihren Chef sondern erweckte den Anschein, als sei sie rein auf ihn, Thiel, fixiert. Dabei saß ihr aber eindeutig der Schalk im Nacken. "Ja, monatelang wusste ich nicht, wie ich ihn nennen sollte, aber nur wenige Tage, nachdem ich hier im Institut angefangen habe, hatte ich endlich einen Namen für ihn."
Sie machte eine Kunstpause und Thiel verstand, dass sie auf seinen Einsatz wartete. "Und der wäre...?", tat er ihr dann auch gleich den Gefallen.
"Naja, was denken Sie? Er hat 'ne grosse Klappe und 'nen Bart."
Das Grinsen, das sich nun auf ihrem Gesicht ausbreitete, war wirklich unbeschreiblich. Das ungläubige Geräusch, das aus Richtung des Mikroskops ertönte, erst recht. Und Thiel konnte das Labor der Rechtsmedizin für lange Zeit nicht mehr betreten, ohne einen Lachkrampf zu bekommen.


A.N. 3: Das Aquarium, in das Thiel da schaut, ist natürlich kein normales, sondern ein Aquascaping-Becken. Ich liebe diese Art von Aquarien, auch wenn ich selber nie ein derartig gelungenes Teil hinbekommen werde. Es mangelt an Talent und an der passenden Wasserhärte (bzw. bin ich nicht bereit, Unmengen an Euro in CO2 Anlagen o.Ä zu investieren, um es anzusäuern. Mein Becken muss so laufen, wie die Rahmenbedingungen hier in der Ecke es diktieren. *seufz* ;)

Comments

( 8 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
mara_thoni
14. Jan 2015 05:42 (UTC)
Eine Rechtsmedizin in der Rechtsmedizin ;-) das gefällt mir. Das sollten sie beim Tatort echt mal einführen. Du könntest das Teil ja während der übrigen Zeit in Pflege nehmen ...
baggeli
14. Jan 2015 06:22 (UTC)
Kein Thema, das kriege ich hin. 😉
cricri_72
14. Jan 2015 09:39 (UTC)
Wow, so ein Aquarium habe ich auch noch nie gesehen. Die Bilder sind ja toll. Und die Beschreibung in Deiner Geschichte auch, ich hatte schon beim lesen ein Bild vor Augen.

Sehr niedliche Idee und eine schöne Umsetzung des Prompts! Hat mir großen Spaß gemacht zu lesen :)

"Naja, was denken Sie? Er hat 'ne grosse Klappe und 'nen Bart."
*snicker*

Und jetzt frage ich mich, wie Thiel und Haller wohl als Fisch aussehen würden ;)
baggeli
14. Jan 2015 12:26 (UTC)
Solche Becken sind wirklich unbeschreiblich. Wenn du vor einem stehst, kannst du dich kaum lösen davon. :D

Ich hatte eine Weile neben Boerne eine Alberich im Becken, ihres Zeichens ein Metallpanzerwels. Der Fisch ist aber leider schon vor einer ganzen Weile gestorben, während mein Boerne (den ich wie Alberich auch von den Eltern eines Freundes übernommen habe) nun sicherlich schon 16 Jahre alt ist. Ich hab meinen Kindern schon öfter gesagt, sie dürfen nicht traurig sein, wenn der Fisch eines Tages mal nicht mehr lebt. Der ist wirklich ein Uropa. :)
maracotdeep
15. Jan 2015 19:47 (UTC)
LOL, super.

"A fish called Boerne" mit Bart und großer Klappe. Gefällt mir.

Ich mag die Beschreibung des Beckens am Anfang, weil sich das Bild so langsam vor dem inneren Auge aufbaut.

Schön!
baggeli
15. Jan 2015 21:16 (UTC)
Freut mich, dass es dir gefallen hat! Danke für die Rückmeldung!! :D
antares04a
1. Feb 2015 10:13 (UTC)
Heißt der Wels denn nun Karl-Friedrich oder Boerne? *g*
Sehr nette Story mit einer klasse Pointe!

Und ja, diese "aquascape" - Aquarien sehen wirklich super aus!
baggeli
1. Feb 2015 11:41 (UTC)
Also, meiner heißt Boerne. Das kann man so schön brüllen, wenn er grad wieder das ganze Becken umgräbt. *lol*

Ich mag die Aquarien auch gern. Hammerteile. Aber auch mega-aufwendig. *seufz*
( 8 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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