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Bingo-Prompt 3

Titel: Der richtige Riecher - Kapitel 2
Prompt: in Ohnmacht fallen/ohnmächtig
Medium: Fanfiction
Zusammenfassung: Zwei junge Studentinnen sind ermordet aufgefunden worden; wie es aussieht, sind sie einem psychopathischen Vergewaltiger in die Hände gefallen. Aber nicht nur dieser Fall macht Silke Haller Sorgen...
Anmerkungen: Schließt sich an die Ereignisse aus Mörderspiele an. Ich beziehe mich ein wenig auf die Handlung der Tatort-Folge, aber das ist ziemlich nebensächlich



Im Institut angekommen, verpasste Silke Ihrem wenig widerstrebenden Vorgesetzten zuerst einmal eine angemessene Dosis eines fiebersenkenden Medikaments und zwang ihn dann, sich auf dem Sofa auszuruhen, während sie die beiden Opfer für die Obduktionen vorbereitete. Bis alle Vorarbeiten abgeschlossen waren und sie mit den Autopsien beginnen konnten, hatten die Tabletten so weit gewirkt, dass Boernes Temperatur tatsächlich ein Stück gesunken war.


Sie hatten die Sektion des ersten Opfers komplett abgeschlossen und bei der zweiten Frau nahezu alle wichtigen Arbeiten erledigt, als Silke bemerkte, dass Boerne wieder mehr und mehr zu zittern begann - ein deutliches Zeichen, dass der Schüttelfrost zurück war. Er sagte natürlich nichts und versuchte noch ein Weilchen, das Unvermeidliche hinauszuzögern, aber als er nach einem erneuten heftigen Hustenanfall leichenblass wurde und sich nach Luft schnappend mit beiden Händen am Obduktionstisch festhalten musste, zog Silke einen Schlussstrich. Unerbittlich beförderte sie den angestrengt keuchenden Mann in sein Büro und auf das Sofa.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass einer erneuten Gabe des Medikaments nichts im Wege stand; bis sie allerdings die Schachtel mit den Tabletten und ein Glas Wasser aus der Küche geholt hatte, war Boerne schon in einen unruhigen Schlaf gefallen.
Silke musterte ihn stirnrunzelnd. Für einen Moment erwog sie, Thiel Senior mit seinem Taxi herzubestellen und dafür zu sorgen, dass der Professor in sein Bett kam; aber dann entschied sie sich dagegen. Es widerstrebte ihr, Boerne in diesem Zustand aus den Augen zu lassen, seine zunehmenden Atemprobleme gefielen ihr nicht. Also nahm sie stattdessen die Decke von der Sofalehne und breitete sie über dem Kranken aus.
Ein Gähnen unterdrückend kehrte sie daraufhin zu dem Mordopfer im Sektionsraum zurück. Auch diese Obduktion war fast abgeschlossen, sie musste die junge Frau nur noch wieder zunähen und sich dann all den routinemäßig geforderten Blutanalysen widmen.



Es war um die Mittagszeit, als Silke vor dem Schreibtisch in Boernes Büro saß und die Autopsieberichte verfasste. Das war eigentlich nicht ihre Aufgabe, aber es war nicht absehbar, wann ihr Chef imstande sein würde, sich für zwei Stunden vor den PC zu setzen und jedes Detail der Obduktion zu dokumentieren. Also hatte sie sich der Sache angenommen.
Sie war beinah fertig, als Thiel in das Büro trat.

„Moinsen Frau Haller! Gibt es…“ Thiel brach mitten im Satz ab, als sein Blick auf den schlafenden Professor fiel. „Was macht der denn noch hier?“ fragte er wesentlich leiser und ziemlich aufgebracht, als er sich zu ihr zurückwandte. „Ich dachte, der liegt längst daheim im Bett!“
Silke nickte begütigend. „Ja, ich weiß, aber ich habe es mir anders überlegt. Zu Hause ist er ganz alleine; wenn es ihm schlechter geht oder er nochmal umkippt, bekommt es niemand mit. Hier kann ich wenigstens ein bisschen auf ihn aufpassen.“
Das Argument nahm Thiel den Wind aus den Segeln; bevor er jedoch etwas erwidern konnte, ertönte vom Sofa ein ironisches Schnauben, das sich allerdings unmittelbar in einen veritablen Hustenanfall verwandelte.
Silke stand vom Schreibtisch auf und durchquerte den Raum, als Boerne sich auf die Seite rollte und dann aufsetzte.

Besorgt registrierte sie die wächserne Gesichtsfarbe und die dunklen Schatten unter seinen Augen. Er sah nicht wirklich gut aus; Boerne selber schien sich aber im Moment etwas besser zu fühlen.
„Sie wollen auf mich aufpassen? Wie soll ich mir das vorstellen?“ Er rieb sich die Augen. „Planen Sie, sich mir tapfer in den Weg zu werfen, falls ich erneut kollabiere?“ Er klang müde, aber hatte ein leichtes Grinsen im Gesicht. „Das würde einen Sturz natürlich ein klein wenig abmildern.“
Silke ging bereitwillig auf seine Laune ein. „Gott bewahre, ich werde beiseite springen, damit Sie mich nicht plattfallen! Aber wenn Sie sich den Schädel einschlagen und dann den Fußboden vollbluten, werde ich dafür sorgen, dass Sie die Sauerei selbst wieder wegwischen. Das kann man ja der armen Putzfrau nicht zumuten.“

Thiel grinste, Boerne dagegen ließ seinen Kopf gegen die Rückenlehne fallen und schloss die Augen. „Ihre Fürsorge nimmt mir den Atem“, murmelte er nach einem erneuten Hustenstoß.
„Was Ihnen den Atem nimmt, ist Ihre Pneumonie, nicht ich“, schoss Silke zurück und legte eine Hand in seinen Nacken, um seine Temperatur zu überprüfen. „Immerhin scheint das Paracetamol einigermaßen bei Ihnen anzuschlagen. Hoffen wir, dass die Antibiotika ebenfalls so gut wirken.“
Boerne reagierte nur mit einem „mhm“, Thiel dagegen zog die Augenbrauen hoch und blickte Silke verwirrt an. „Was war das jetzt gerade?“

Silke wies mit dem Kopf auf ihren Chef. „Er hat mir heute Morgen Sorgen gemacht, weil er immer schlechter Luft bekam. Ich habe mir dann Hilfe geholt, einer seiner alten Freunde aus der Uniklinik war hier und hat ihn sich angesehen. Und das war auch gut so; er hat eine Lungenentzündung. Der Arzt hat ihm jetzt ein hochdosiertes Antibiotikum verschrieben und die nächsten zwei Tage müssen zeigen, ob es anschlägt oder vielleicht nicht der richtige Wirkstoff ist.“
„Eine Lungenentzündung? Meine Herren.“ Thiel wirkte ziemlich besorgt. „Mensch Boerne, Ihnen muss es ja ziemlich mies gehen, wenn Sie sich freiwillig von einem Kollegen untersuchen lassen.“

Silke konnte sich ein kurzes Grinsen nicht verkneifen, als Boernes Augen bei dieser Bemerkung wieder aufflogen. „Freiwillig?“ Ein heiseres Husten unterbrach ihn, bevor er keuchend fortfuhr: „Das habe ich der überängstlichen Alberich hier zu verdanken, die mein kleines Nickerchen schändlich ausgenutzt und mir meinen Freund auf den Hals gehetzt hat. Und der ist nicht besser als sie.“ Vielleicht hätte er zorniger geklungen, wenn er während seiner Rede nicht um Atem hätte ringen müssen.
Silke verschränkte ihre Arme. „Überängstlich? Kleines Nickerchen? Dass ich nicht lache! Sie haben mit vierzig Fieber auf dem Sofa gelegen, nach Luft geschnappt wie ein Fisch auf dem Trockenen und von sich und der Welt nichts geahnt. Sie sind doch erst wieder zu sich gekommen, als Jaschke längst verschwunden war.“
„Sie übertreiben wie immer maßlos“, brummte Boerne. „Ich bin schon wach geworden, als er mit Ihnen noch einen Kaffee getrunken hat.“ Seufzend ließ er die Augen wieder zufallen.

Als Thiel ungläubig den Kopf schüttelte, huschte ein Lächeln über Silkes Gesicht. Dann nahm sie ein Glas vom Tisch und stupste ihren Chef an der Schulter an. „Wie auch immer. Sie trinken jetzt etwas von diesem Schleimlöser, legen sich wieder hin und schlafen noch eine Runde. Sie wissen ja, heute ist Bettruhe angesagt.“
Erstaunlicherweise widersprach Boerne nicht. Nachdem er ein paar Schlucke genommen und angewidert sein Gesicht verzogen hatte, rutschte er seitwärts an der Rückenlehne herab auf sein Kissen, hatte die Augen schon wieder geschlossen, bevor er überhaupt lag. Mit einem schnellen Griff half Silke ihm, die Beine hochzunehmen und deckte ihn zu. „Sie rufen mich, wenn was ist, klar?“
Sie war sich nicht ganz sicher, was Boerne daraufhin in sein Kissen murmelte, aber es klang verdächtig nach einem leicht genervten „Ja, Mama.“


Grinsend drehte Silke sich zu Thiel um. „Kommen Sie mit in die Küche, Herr Thiel? Sie sehen auch aus, als könnten Sie einen Kaffee vertragen.“
Bereitwillig folgte der Kommissar ihr in die kleine Küche, ließ sich auf einen der Stühle fallen und nahm dankbar die Tasse an, die sie ihm eingeschenkt hatte.
Geduldig wartete sie, bis er den ersten Schluck getrunken hatte und dann das Wort ergriff. „Geht es Boerne so schlecht, weil er die Nacht gearbeitet hat?“
Silke kannte Thiel gut genug, um die Sorge um seinen Kollegen und auch ein schlechtes Gewissen aus seiner Frage herauszuhören.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein nein, die paar Stunden haben die Sache auch nicht mehr viel schlimmer gemacht. Die Lungenentzündung hat er dem Ausflug in die Kanalisation zu verdanken. Selbst wenn er gestern Abend im Bett geblieben wäre, hätte es ihn erwischt.“

Thiel schien etwas erleichtert. Dann kam er auf den Grund zu sprechen, der ihn ursprünglich in die Rechtsmedizin geführt hatte. „Können Sie mir irgendetwas Neues mitteilen? Die Klemm kommt am Abend von dieser Tagung in München zurück. Ich habe sie seit letzter Nacht nicht gesprochen, sie erwartet garantiert, dass wir etwas vorzuweisen haben. Aber Nadeshda und ich haben bis jetzt keine großen Fortschritte gemacht.“
Silke schüttelte bedauernd den Kopf. „Es tut mir leid, Herr Thiel, ich habe auch noch nichts für Sie. Die Autopsien haben im Prinzip genau das bestätigt, was Boerne Ihnen schon am Tatort gesagt hat.“ Sie schenkte sich selbst auch einen Kaffee ein und nahm dann ebenfalls Platz. „Die Blutanalysen sind in Arbeit, die Kleidungsstücke werde ich nachher noch einer genauen Untersuchung unterziehen. Aber bis jetzt gibt es keinerlei Hinweise auf den Täter.“

Thiel seufzte, trank seinen Kaffee aus und erhob sich. „Ich habe es befürchtet. Aber trotzdem danke.“ Er wandte sich zum Gehen. „Sind Sie heute gegen 17 Uhr noch da? Dann komme ich noch mal vorbei.“
Silke nickte. „Ganz bestimmt. Jetzt wo ich alles allein machen muss, geht es nicht so schnell. Aber vielleicht habe ich bis dahin ein paar Neuigkeiten.“
Thiel brummte ein „Alles klar. Tschüss, Frau Haller!“ und marschierte dann aus der Küche.
Sie gönnte sich nun selber noch einen Schluck Kaffee und widmete sich danach wieder ihrer Arbeit.



Einige Stunden später lehnte Silke sich aufseufzend in ihrem Stuhl zurück. Sie untersuchte jetzt schon seit einer gefühlten Ewigkeit die Kleidungsstücke der Opfer nach Hinweisen auf den Täter, aber keine Hautpartikel, Haare oder andere Spuren waren zu entdecken; wie schon an ihren Körpern fand sich keinerlei männliche DNA irgendwo an der Bekleidung.

Gerade als sie sich die brennenden Augen rieb um erneut ins Mikroskop zu schauen, kam Boerne zu ihr ins Labor. Irritiert blickte Silke zu ihm auf. „Chef! Was an dem Wort Bettruhe haben Sie nicht verstanden?“
Boerne verzog gequält sein blasses Gesicht. „Herrgott Alberich, nun seien Sie nicht gleich so unwirsch mit mir. Ich liege seit zehn Stunden auf diesem Sofa, mir tun alle Knochen weh. Ich muss einfach mal einen Moment sitzen.“
Er sank neben ihr auf einen Stuhl und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Immer noch war bei jedem seiner angestrengten Atemzüge das Rasselgeräusch wahrzunehmen, aber Silke war klar, dass das auch noch ein paar Tage so bleiben würde.
Bevor er Gelegenheit bekam, sich zu wehren, hatte sie eine Hand in seinen Nacken gelegt. Recht zufrieden zog sie sie zurück. „Na gut, eine Viertelstunde. Das Fieber ist ja gerade ganz moderat.“
Ihr Chef schnaubte leise. „Was erwarten Sie denn? Sie haben mich doch vor zwei Stunden noch zugedröhnt bis unter die Haarspitzen. Bei der Dosis hätte selbst ein Elefant keine erhöhte Temperatur mehr.“
Müde erwiderte Silke sein leichtes Lächeln; wo er Recht hatte, hatte er Recht.

Boerne musterte sie über seine Brille hinweg mit einem ernsten Blick. „Alberich, Sie sehen reichlich mitgenommen aus. Macht der Fall Ihnen Probleme?“
Silke seufzte. „Das kann man so sagen. Ich suche die ganze Zeit nach DNA-Rückständen des Täters, aber ich kann einfach nichts entdecken. Die wenigen Spuren, die der Kleidung anhaften, lassen sich eindeutig den engsten Familienmitgliedern der Opfer zuordnen, Nadeshda hat mir heute Mittag die Vergleichsproben gebracht.“ Sie wies auf den Monitor. „Ein einziges Haar ist fremd, die DNA ist erfassungstechnisch nicht bekannt. Aber das stammt von einer Frau. Der Täter selbst hat keinerlei Spuren hinterlassen, trotz dieser brutalen Vergewaltigung. Und das ist es, was ich nicht verstehen kann.“
Boerne nickte nachdenklich. „Nein nein, das passt schon, Alberich. Das passt alles nur zu gut.“
Silke blickte überrascht auf. „Was meinen Sie damit?“

Sie bekam aber keine Antwort, denn in dem Augenblick klopfte Thiel an den offenen Türrahmen und trat ins Labor, Nadeshda im Schlepptau.
Statt einer Begrüßung zog er die Augenbrauen hoch und musterte den Professor. „Was sitzen Sie denn hier? Sollten Sie nicht mit Ihrem Hintern auf der Couch liegen?“
Silke lachte, Boerne dagegen verdrehte die Augen. „Ich habe ein paar Minuten Hafturlaub“, war sein zynischer Kommentar.
Thiel schmunzelte, wurde aber schnell wieder ernst. „Gibt’s was Neues?“
Bevor Silke antworten konnte, ergriff Boerne das Wort. „Ja, gibt es. Gehen wir ins Büro, da können wenigstens alle sitzen. Alberich, nehmen Sie die Kleidungsstücke der Opfer mit, ja?“ Etwas mühsam stand er auf und steuerte auf seinen Arbeitsraum zu.
Silke erwiderte Nadeshdas und Thiels fragenden Blick mit einem Schulterzucken und sammelte dann die Beweistüten ein, die die einzeln verpackten Kleidungsstücke der Opfer enthielten.


Im Büro angekommen, lehnte Silke sich an die Schrankwand, froh, für einen Moment zu stehen. Ihr Chef hatte sich mit einem leisen Keuchen in seinen Schreibtischstuhl sinken lassen, während Thiel und Nadeshda ihm gegenüber Platz nahmen. Sie schauten ihn ganz erwartungsvoll an, aber bevor er den Mund aufmachen konnte, näherten sich energische Schritte im Flur.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Silke, wie Thiel in seinem Stuhl förmlich ein wenig zusammensackte. „Die Klemm“, flüsterte er und gab sich keine Mühe, seinen verdrießlichen Unterton zu verhehlen. „Wo kommt die denn jetzt schon her? Die sollte doch erst heute Abend landen.“

Ein paar Sekunden später betrat tatsächlich die großgewachsene Staatsanwältin das Büro. Sie ließ ihren Blick über die versammelten Kollegen schweifen, und fand auch sofort, wen sie suchte. „Thiel! Was haben Sie für mich?“ Wie so oft hielt sie sich nicht mit Höflichkeiten auf. Sie zog sich einen Stuhl an die Stirnseite des Schreibtisches, setzte sich und schlug die Beine übereinander.
Silke konnte nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken, als Thiel ein gemächliches „Nabend, Frau Klemm!“ brummte. „Sie sind über die Personalien der Opfer informiert?“
Die Staatsanwältin nickte kurz. „Man hat mir Ihr Fax in die Abschlussbesprechung gereicht. Ich hatte allerdings schon mehr Informationen erwartet, aber Sie scheinen ja noch nicht gerade viel in der Hand zu haben.“ Ihre rauchige Stimme klang unzufrieden.

Thiel lehnte sich zurück in seinen Stuhl. „Wir haben heute Morgen diesen Soziologieprofessor befragt. Peter Gerhards. Er kannte die beiden Studentinnen scheinbar recht gut, wirkte ziemlich erschüttert, als er von ihrem Tod hörte. Der Kurs hat am Sonntagabend eine große Semesterparty gefeiert, die beiden Frauen sind auch dort gewesen. Es gibt jede Menge Zeugen, die sie gesehen haben. Kurz danach müssen Sie getötet worden sein.“ Er wirkte grimmig, als er hinzufügte: „Ich bin sicher, dass der Mörder auf dieser Feier gewesen ist.“

Seine Assistentin winkte mit einer Zettelsammlung in ihrer Hand. „Frau Gerhards hat uns eine Liste all seiner Studenten gegeben, da sind wir gerade dran.“
„Was hat denn die Ehefrau mit der Studentenliste zu tun?“ Die Staatsanwältin sprach aus, was Silke sich auch gerade gefragt hatte.
„Ach, Entschuldigung.“ Nadeshda lachte ein wenig. „Sie ist gleichzeitig seine Sekretärin, sie sitzt in seinem Vorzimmer.“ Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, als sie fortfuhr. „Es sind ein paar Namen auf der Liste, die bei der Polizei aus verschiedensten Gründen nicht unbekannt sind, um die haben wir uns natürlich gleich als erstes gekümmert; aber das hat bislang nichts ergeben.“

Frau Klemm nickte und ließ ihren Blick zu Boerne wandern. „Na, dann legen Sie mal los, Professor.“ Ihre Ungeduld war nicht zu überhören.

Silke war nicht sicher, ob ihr Chef in der Lage war, einen Vortrag zu halten. Sie warf Boerne einen besorgten Blick zu und wies fragend auf sich, aber er schüttelte nur unmerklich den Kopf, bevor er sich der Staatsanwältin zuwandte.


„So wie es aussieht, sind die Morde Sonntagabend zwischen zwanzig Uhr und zwei Uhr nachts verübt worden. Die Frauen wurden scheinbar brutal vergewaltigt, nachdem sie erdrosselt worden sind.“
Für einen Moment wunderte Silke sich darüber, warum er das Wort scheinbar benutzte, aber er sprach schon weiter.
„Die Schnürmerkmale am Hals zeigen eindeutig, dass der Täter wesentlich kleiner gewesen ist als die beiden Studentinnen, sie wurden regelrecht vom Gewicht ihres Mörders nach unten gerissen, als er anfing, sie mit einem Schal oder ähnlichem zu würgen.“
Ein Hustenstoß unterbrach seine Erläuterungen; dass er danach Atemprobleme hatte und viel angestrengter sprach, schien der Staatsanwältin aber nicht aufzufallen.
„Wir haben die Körper der Frauen gründlich untersucht, konnten aber keinerlei DNA-Spuren entdecken, die uns einen Hinweis auf den Täter geben.“ Er wies mit der Hand auf die Beweisbeutel, die Silke auf seinen Schreibtisch gelegt hatte. „Gleiches gilt für die Kleidungsstücke der Opfer. Es fand sich auch an ihnen keine männliche DNA, lediglich ein Haar von einer unbekannten Frau.“ Mit einem laut rasselnden Atemzug lehnte er sich in seinen Stuhl zurück. „Ich bin der Meinung, dass die Morde von ihr begangen wurden.“

Der Satz schlug ein wie eine Bombe. Silke riss die Augen auf; damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Thiel und Nadeshda warfen sich einen skeptischen Blick zu, die Staatsanwältin dagegen fuhr förmlich in ihrem Stuhl auf. „Sagen Sie, sind Sie noch zu retten? Wir haben einen psychopathischen Vergewaltiger hier rumlaufen, der sich jeden Moment ein neues Opfer suchen kann und Sie reden davon, dass eine Frau diese Morde begangen hat?"

Es gefiel Silke nicht, wie ihr Chef von der Staatsanwältin angegangen wurde, und für einen Moment wunderte sie sich, wie ungerührt er ihren Ausbruch über sich ergehen ließ; aber wahrscheinlich fehlte ihm einfach die Kraft, ihr Paroli zu bieten.
Bevor sie jedoch selbst etwas sagen konnte, meldete Thiel sich zu Wort. „Nu mal ganz langsam, Frau Klemm.“ Sein Tonfall war beschwichtigend, dann wandte er sich an den Professor. „Mensch Boerne, wie kommen Sie auf die Idee? Nur dass Sie keine männliche DNA finden konnten, heißt doch nicht, dass eine Frau für die Morde verantwortlich ist?“

Boernes Antwort war kurz. „Natürlich nicht.“ Er warf einen Blick auf die Staatsanwältin. „Bevor Sie mich zum Abschuss freigeben, könnten Sie mir Gelegenheit geben, mich zu erklären.“
Silke lächelte innerlich. Da war ja doch eine kleine Spitze, die allerdings an Frau Klemm abprallte.

Ihr Chef räusperte sich noch einmal heiser, dann legte er los. „Es gibt mehrere Gründe, warum ich denke, dass eine Frau die Täterin ist. Erstens: die Mörderin war signifikant kleiner als ihre Opfer, wie ich schon erwähnte. Die beiden Studentinnen sind selber ein paar Zentimeter über bundesdeutschem Durchschnitt, beide waren ca. 1,75 m groß. Vermutlich sind sie nach kurzer Zeit auf die Knie gefallen, als sie gewürgt wurden, aber anstatt dass die Strangmarken dadurch nach oben in Richtung Ohren weisen, gehen sie zirkulär um den Hals. Die Täterin war also im Stehen nicht sehr viel größer als ihre knienden Opfer, ich schätze sie auf weniger als 1,55 m.“

Er hob die Hand, als die Staatsanwältin schon den Mund öffnete. „Schon gut Frau Klemm, es ist mir klar, dass es auch ziemlich kleine Psychopathen gibt. Die meisten in dieser Größenordnung sind aber nun einmal Frauen. Ich weiß das, ich arbeite tagtäglich mit einer zusammen.“
Silke funkelte ihn an, als er ihr müde zuzwinkerte und dann ungerührt fortfuhr: „Weiterhin sind die fehlenden DNA-Spuren ein Hinweis. Um die Verletzungen zu verursachen, die die beiden Frauen aufweisen, muss der Täter bei der Vergewaltigung mit extremer Kraft zugestoßen haben. Deshalb müssten auf jeden Fall Zellen, Hautpartikel oder Schamhaare des Täters zu finden sein. Aber es gibt keinen Abrieb, nichts.“
„Er wird ein Kondom getragen haben“, knurrte die Staatsanwältin.
„Das muss dann aber ein Ganzkörperkondom gewesen sein“, schoss Boerne zurück. Silke konnte sich ein Grinsen über seine sarkastische Antwort nicht verkneifen.
„Außerdem werden die meisten Kondome mit spermienabtötenden Substanzen versehen, aber wir konnten keine nachweisen. Nein, ich bin der Meinung, dass diese Verletzungen nicht durch Geschlechtsverkehr entstanden sind, sie wurden anderweitig beigefügt.“

Frau Klemm schien weiterhin nicht überzeugt, Boerne war allerdings noch nicht fertig. „Die Brutalität mit der die Studentinnen zugerichtet wurden, ist ein Zeichen, dass bei diesen Morden Zorn im Spiel war. Unbändiger Zorn oder Hass. Deshalb glaube ich nicht, dass diese beiden Frauen zufällig Opfer eines Psychopathen geworden sind. Ich denke viel mehr, es handelt sich um eine Beziehungstat, die nachträglich als Vergewaltigung getarnt wurde, um uns in die Irre zu führen.“
Die Staatsanwältin schnaubte nur ungläubig, aber ungeachtet dessen beugte Boerne sich mühevoll nach vorne, griff einen der Beweisbeutel vom Tisch und warf ihn der Staatsanwältin zu. „Eine letzte Auffälligkeit gibt es an der Kleidung. Riechen Sie mal daran.“

Während Silke sich noch fragte, worauf er hinauswollte, kam Frau Klemm seiner Aufforderung sichtbar irritiert nach, öffnete die Tasche und hielt sie unter ihre Nase. „Das riecht ganz schwach nach Parfüm. Was soll daran auffällig sein, die Opfer sind Frauen?“
Boerne hatte sich wieder in seinen Stuhl zurücksacken lassen und sprach erst nach zwei angestrengten Atemzügen weiter. „Der Duft haftet sowohl allen Kleidungsstücken, als auch den entblößten Körperpartien der beiden Frauen an; auffällig deshalb, weil es sich in diesem Fall um ein sehr teures Parfüm handelt. Der kleinste Flakon ist nicht unter 160 Euro zu bekommen. Ich weiß wovon ich rede, meine Schwester hat sich dies Gebräu zum Geburtstag gewünscht.“ Er schob sich seine Brille hoch; dass seine Hand dabei zitterte fiel aber wahrscheinlich nur Silke auf.
„Das Parfüm ist so ziemlich der High Society vorbehalten, jede zweite Münsteranerin, die sich für etwas Besseres hält, hat es bei sich im Bad stehen. Aber es ist extrem unwahrscheinlich, dieses Edelwässerchen im Schrank gleich zweier, nahezu mittelloser Studentinnen zu finden.“

Das war wieder einer dieser Momente, in denen Silke nur verwundert den Kopf schütteln konnte. Sie hatte ebenso wie Boerne am Obduktionstisch gestanden und sogar sehr ausgiebig an den Kleidungsstücken der Opfer gearbeitet, aber den Parfümgeruch hatte sie nicht bemerkt. Ja, jetzt wo er ihn erwähnte, fiel ihr auch auf, dass sie die ganze Zeit einen zarten Duft in der Nase gehabt hatte, aber bewusst hatte sie ihn nicht wahrgenommen. Und selbst wenn, sie hätte ihn sicherlich nicht zuordnen können.

Die Staatsanwältin hatte aber erneut ein Gegenargument parat. „Die beiden Frauen werden nah nebeneinander gelegen haben. Vielleicht im Kofferraum eines Wagens, als sie zu dieser Laube transportiert wurden. Kein Wunder, dass sie beide gleich riechen.“
„Dann müsste eine von beiden eine größere Menge des Parfüms aufgetragen und dadurch den Geruch an die andere abgegeben haben. Aber sie duften beide gleich schwach.“ Er rieb sich die Stirn, als er weitersprach. „Ihren Einwand in Ehren, aber so wie Sie sich das denken, funktioniert das nicht. Ich bin überzeugt, dass beiden Opfern der Duft einer dritten Frau anhaftet.“
Besorgt registrierte Silke, wie erschöpft Boerne inzwischen klang. Dass er in seinem Stuhl schon zwei- oder dreimal erschaudert war, war ihr auch nicht entgangen; es ging ihm definitiv wieder schlechter.


Nadeshda nahm einen der Kleidungsbeutel vom Tisch und roch ebenfalls daran. Sie blickte auf. „Das kenne ich, das ist Opium von Yves Saint Laurent.“
Silke lächelte, als Boerne der jungen Kommissarin einen anerkennenden Blick zuwarf. „Ausgezeichnet, Frau Krusenstern. Sie haben einen feinen Geruchssinn.“

Die Staatsanwältin hatte für den Professor dagegen nur einen ironischen Blick übrig. „Sind Sie endlich fertig?“
Als Boerne nickte, starrte sie ihn mit strenger Miene an. „Das war ja sehr kreativ, aber ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Herrn Thiel und Frau Krusenstern nicht durch Ihre gewagten Theorien auf falsche Fährten locken.“

Silke war ziemlich verärgert über ihren herablassenden Ton, Boerne reagierte allerdings nicht darauf. Er rutschte nur noch tiefer in seinen Stuhl und schloss die Augen.


Frau Klemm hatte sich indessen schon den beiden Krimimalbeamten zugewandt. „Thiel, was sagten Sie, in welchem Kurs waren die beiden Studentinnen? Soziologie?“
Der Kommissar bestätigte das. „Ja, Soziologie bei Professor Gerhards.“
Die Staatsanwältin nickte bedächtig. „Ich will, dass Sie jeden einzelnen männlichen Studenten vernehmen, der zu diesem Kurs gehört. Ich will von jedem ein Alibi, allen voran von denen, die auch auf dieser Semesterfeier gewesen sind.“ Ihre Stimme troff vor Ironie, als sie hinzufügte: „Vielleicht sollten Sie mit dem Kleinsten anfangen; wenn Boerne Recht hat, was die Würgemale angeht, dürften Sie den Täter damit schon haben.“
Sie stand auf. „Morgen früh um acht Besprechung im Präsidium. Ich erwarte bis dahin die Namen erster Verdächtiger unter den Studenten und aus der Rechtsmedizin die vollständigen Berichte inklusive aller Laborergebnisse, die noch ausstehen.“ Damit drehte sie sich um und marschierte in Richtung Ausgang.

Wie Thiel ihr kopfschüttelnd nachstarrte und Nadeshda genervt die Augen verdrehte, ließ Silke schmunzeln. Aber sie wurde gleich wieder ernst, denn Frau Klemm schien noch etwas einzufallen und sie wandte sich zurück.
„Ach, Herr Professor. Sie klingen verschnupft. Kann es sein, dass Sie ziemlich hohes Fieber haben? Anders kann ich mir Ihre haarsträubenden Ideen nämlich nicht erklären. Guten Abend, die Herrschaften.“ Mit diesen Worten drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand durch die Tür.


Noch während die Schritte der Staatsanwältin auf dem Flur verhallten, stieß Silke sich von der Wand ab und trat auf ihren Chef zu. Thiel war gleichzeitig aufgestanden, umrundete den Schreibtisch und berührte Boerne an der Schulter. Silke sah, wie der Professor etwas zusammenzuckte und dann müde nach oben in Thiels Gesicht blinzelte. „Was?“ Seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern. „Wollen Sie mir auch noch den Kopf abreißen?“
Thiel schüttelte nur den Kopf. „Nee, will ich nicht.“ Silke sah ihn dankbar an, als er nachdenklich fortfuhr: „Mensch Boerne, da haben Sie aber wieder ziemlich einen rausgehauen. Ich habe allerdings das Gefühl, dass an Ihrer Geschichte durchaus was dran sein könnte.“
Mit deutlicher Sorge fasste er Boerne nun unter dem Arm. „Na kommen Sie, legen Sie sich hin. Sie sehen erbärmlich aus.“
Silke unterstützte ihren Chef auf der anderen Seite, als er sich mühevoll erhob. Mit Thiels Hilfe bugsierte sie den inzwischen wieder stark zitternden Mann auf das Sofa, wo er nahezu zusammenbrach. Er war ganz blass und verschwitzt, bis er endlich lag.

„Mensch Chef, Sie müssen jetzt wirklich ins Bett.“ Silke setzte sich kurzerhand zum Professor auf die Sofakante, zog die Decke hoch und steckte sie um den schlotternden Mann fest.

In dem Moment begann Thiel neben ihr, in sein Handy zu sprechen. „Vaddern, ich bin‘s. Kannst du mal in der Rechtsmedizin vorbeikommen und Professor Boerne nach Hause bringen? Dem geht’s nicht gut… Zehn Minuten? Jau, alles klar.“ Damit klappte er sein Mobiltelefon wieder zu.
Silke blickte auf. „Danke, Herr Thiel.“
Thiel lächelte zurück. „Dafür nich‘.“ Er steckte sein Telefon zurück in die Tasche und setzte sich auf die Kante des kleinen Beistelltisches neben dem Sofa. „Boerne, denken Sie denn wirklich, dass die Tat von einer Frau begangen wurde? Sie sagen doch selber, wie brutal die Opfer zugerichtet wurden. Hat eine Frau so viel Kraft?“
Boerne öffnete nochmals mühevoll seine Augen. „Ja, das ist denkbar. Die Mörderin hat vermutlich irgendeinen stumpfen, dildo-ähnlichen Gegenstand verwendet. Und damit kann man verheerende Schäden anrichten, das hätte sogar unsere Alberich hier geschafft.“ Er musste abbrechen, als er einmal mehr von einem Hustenanfall durchgeschüttelt wurde; es dauerte eine Weile, bis er weitersprechen konnte. „Bei einer echten Vergewaltigung wäre das so gar nicht möglich gewesen, der Täter hätte sich bei solchen Stößen selber verletzt.“

Silke trat einen Schritt zur Seite, als Nadeshda jetzt ebenfalls zum Sofa kam und das Wort ergriff. „Wie sollen wir jetzt vorgehen, Chef?“
Thiel seufzte. „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als das zu tun, was Frau Klemm von uns verlangt. Vernehmen wir die Studenten. Dabei halten wir unsere Augen in alle Richtungen offen… es muss eine Verbindung zwischen diesen Frauen geben.“
Er blickte Silke an. „Wir müssen jetzt weiter. Kommen Sie morgen um acht ins Präsidium?“
Sie bestätigte da sofort. „Klar. Ich werde da sein und alle Unterlagen mitbringen. Die letzten Blutbefunde dürften in einer Stunde fertig sein.“
Thiel nickte ihr noch einmal zu und wandte sich dann an ihren Chef. „Boerne, ich schau heute Abend noch mal bei Ihnen rein, in Ordnung? Und wenn etwas ist, rufen Sie einen von uns an, verstanden?“
Boerne reagierte nur mit einem heiseren „mhmm“, aber Thiel schien das zu reichen. „Gut. Dann bis später. Frau Haller, wir sehen uns morgen früh.“ Mit diesen Worten stand er auf und die beiden Polizisten verließen den Raum.


Nur wenige Minuten später tauchte Herbert Thiel in der Rechtsmedizin auf. Im Gegensatz zu der Staatsanwältin war ihm scheinbar auf dem ersten Blick klar, dass es Boerne wirklich schlecht ging. Während Silke die beiden Männer zum Taxi begleitete, versprach er ihr hoch und heilig, den Professor bis in seine Wohnung zu bringen und dafür zu sorgen, dass er wohlbehalten ins Bett kam.


Seufzend machte Silke sich danach an die Aufräumarbeiten. Bis sie damit fertig war, hatte der PC im Labor zum Glück die restlichen Blutanalysen ausgespuckt. Zufrieden druckte Silke noch die Autopsieberichte aus, heftete sie mit allen Fotos und den Laborberichten zusammen und nahm die Akten mit heim. Auf die Art konnte sie am nächsten Morgen gleich das Polizeirevier ansteuern und ersparte sich einen Umweg zum Institut.
Kaum zu Hause angekommen, fiel sie ins Bett. Müde wie schon lange nicht mehr schlief sie, bis am nächsten Morgen der Wecker klingelte.
t.b.c.

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