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Nachschlag zu Herzrasen
Genre:
h/c und generell *örks*
Wortanzahl: knapp 1500
Zusammenfassung: Vielleicht war es diese besondere Dynamik zwischen Thiel und Boerne, die sie dazu gebracht hatte, sich meist im Hintergrund zu halten. Die beiden waren immer so beschäftigt mit ihren Sticheleien und ihrer Zusammenarbeit, wenn sie wieder einmal richtig loslegten, war kaum Platz für andere. Vielleicht war es aber auch das Gefühl gewesen, die einzige Frau, mit der Professor Boerne auf (tiefergelegter) Augenhöhe agierte, war Frau Haller.
A.N. 1: Outsider-POV. OOC mit Ausrufezeichen. Egal. Ihr seid gewarnt. Irgendwie wollte Nadeshda so geschrieben werden.
A.N. 2: ganz ursprünglich war das als Text für den 5-Satz-Ficathon-Prompt: Dein Fandom – dein Pairing – Kaugummi geplant. Es ist weder ein Kaugummi drin, noch sind es 5 Sätze geworden. In der Hinsicht also wohl auch epic fail. *lol*


Mit einem Seufzen ließ sie sich in ihren Stuhl zurückfallen und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Selten hatte sie sich so fehl am Platz gefühlt wie jetzt gerade, an dieser Stelle, in diesem Moment.
Im Präsidium, da sollte sie jetzt sein. Es wäre dringend nötig, den Papierkram zu erledigen, der sich angesammelt hatte in den letzten Tagen, weil keiner von ihnen den Kopf gehabt hatte, sich darum zu kümmern. Oder besser noch, sie sollte der Staatsanwältin helfen, diesen Kern fertigzumachen, diesen… Mistkerl. Das würde ihr jetzt gefallen! Ihn zu zerlegen, zu zermürben nach allen Regeln der Kunst, bis er wie ein Häufchen Elend im Verhörzimmer hing. Den nötigen Zorn dazu trug sie in sich, soviel stand fest.

Doch nichts dergleichen tat sie. Stattdessen saß sie hier am Krankenbett und hielt Wache.
Dabei war gerade sie für diese Aufgabe denkbar ungeeignet.

Ok, die Chancen standen gut, dass Professor Boerne nicht aufwachen würde. Gut möglich, dass sie Glück hatte und er durchschlief, bis Thiel und Frau Haller zurückkamen. Er war nur minutenweise bei Bewusstsein gewesen in den letzten Tagen; das Problem war nur, wenn er dann mal zu sich gekommen war, war es ihm schlecht gegangen. So schlecht, dass Frau Haller am liebsten rund um die Uhr bei ihm am Bett gesessen hätte.
Natürlich ließen die Ärzte sie damit aber nicht durchkommen, und es hatte sich schnell gezeigt, dass der einzige, der Frau Hallers Abwesenheit einigermaßen kompensieren konnte, Nadeshdas grummeliger Vorgesetzter war. Hauptkommissar Thiel, dessen Anwesenheit der Professor, auch wenn er nicht ansprechbar war, auf unerklärliche Weise zu spüren schien und die ihm im wahrsten Sinne des Wortes half, zu ruhen. Thiel, dessen leise, beschwichtigende Einwortsätze ihn schneller als alles andere in die Realität zurückschnappen lassen konnten, wenn die fatale Kombination aus starken Schmerzmitteln, Fieber und dem Horror des Erlebten wieder einmal einen Alptraum verursachte. Thiel, der vor Sorge fast verrückt geworden wäre in den letzten Tagen - auch wenn er das niemals zugeben würde.

Aber sie, sie konnte der Professor in einem solchen Moment der Not sicherlich nicht gebrauchen. Sie hatten einfach keine enge Bindung, ihre Anwesenheit nützte ihm überhaupt nichts! Wenn sie es recht bedachte, hatte sie in den Jahren, die sie ihn kannte, praktisch kein persönliches Wort mit ihm gewechselt. Warum nicht, war ihr allerdings selber gar nicht so klar.
Vielleicht war es diese besondere Dynamik zwischen Thiel und ihm, die sie dazu gebracht hatte, sich meist im Hintergrund zu halten. Die beiden waren immer so beschäftigt mit ihren Sticheleien und ihrer Zusammenarbeit, wenn sie wieder einmal richtig loslegten, war kaum Platz für andere. Vielleicht war es auch das Gefühl gewesen, die einzige Frau, mit der Professor Boerne auf (tiefergelegter) Augenhöhe agierte, war Frau Haller. Oder vielleicht war sie zu Anfang einfach etwas eingeschüchtert gewesen, als junge Praktikantin, in diesem Team von erfahrenen Kollegen.

Was auch immer der Grund gewesen war, es lag jedenfalls nicht daran, dass sie ihn nicht leiden konnte oder seine Arbeit nicht wertschätzte. Ganz das Gegenteil war der Fall und sie würde es niemals laut sagen, aber sie bewunderte sein Fachwissen und seinen Enthusiasmus. Und insgesamt waren sie auch immer recht gut miteinander ausgekommen, obwohl sie natürlich oft genug hinter seinem Rücken die Augen verdreht hatte. Aber wer tat das nicht?

Wie wichtig er ihr als Mensch und als Kollege aber tatsächlich war, war ihr allerdings erst brutal zu Bewusstsein gekommen, als sie ihn vor wenigen Tagen schwerstverletzt in der Rechtsmedizin aufgefunden hatte. Als sie alle für lange, schreckliche Stunden nicht wussten, ob er überleben würde.
Dieser Vorfall hatte das gesamte Team bis in die Grundfesten erschüttert. Ihren Chef, sie selbst, ja sogar die abgebrühte Staatsanwältin.


Gott sei Dank hatte Professor Boernes Zustand sich inzwischen stabilisiert und die Ärzte waren guter Hoffnung, dass er sich komplett erholen würde. Doch der Weg dahin war noch lang und wenn sie eines gelernt hatten in den letzten Tagen, dann dass er besser nicht allein war, wenn er aus seinen Fieber- und medikamenteninduzierten Träumen aufschreckte. Und deshalb saß sie seit einer Stunde mehr oder weniger unfreiwillig hier und wachte über ihn.

Zu ihrer großen Erleichterung hatte er sich bislang nicht gerührt. Weder, als der Monitor über dem Bett wegen eines abgelösten Kabels plötzlich alarmiert und sie damit zu Tode erschreckt hatte, noch als es draußen auf dem Flur zu einem Notfall gekommen und das gesamte Personal der Station direkt vor der offenen Zimmertür in hektische Aktivität verfallen war, war er aufgewacht.
Doch nun, kurz nachdem eine Krankenschwester ein paar kleine Medikamentenflaschen angehängt hatte, war er ganz rastlos geworden. Immer unruhiger pendelte sein Kopf von einer Seite auf die andere und er spannte sich mehr und mehr an.

„Schhhh, Herr Professor! Es ist alles gut!“ Behutsam und etwas verunsichert griff sie seine Hand, als er mit heiserer Stimme den Namen seiner Assistentin zu wispern begann. "Herr Thiel hat Frau Haller mitgenommen, einen Kaffee trinken. Sie brauchte eine Pause. Aber ich bleibe bei Ihnen, bis die beiden zurückkommen.“
Auf jeden Fall schien zu ihm durchzudringen, dass er nicht allein war. Sie fühlte, wie seine kalten Finger sich an ihr festhielten und seine rastlosen Bewegungen ließen definitiv ein wenig nach. Das war doch schon mal gut! Sie ging allerdings nicht davon aus, dass Boerne wirklich verstanden hatte, wer da an seinem Bett saß. Umso überraschter war sie allerdings, als er nach einer Weile den Kopf minimal in ihre Richtung drehte und ein leises, fragendes „Nadeshda?“, herauspresste, bevor er ein paarmal schwer schluckte.
„Ja, ich bin‘s.“ Besorgt beugte sie sich vor und beobachtete, wie er wieder und wieder schluckte und das Gesicht verzog. Konnte ihm übel sein? Aber hatte er dafür nicht diesen Schlauch in der Nase, ging der nicht bis in den Magen, damit er sich bloß nicht übergeben musste?
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Ist Ihnen nicht gut?“

Schwach schüttelte er den Kopf und blinzelte dann einmal mühsam in Richtung der Infusionen. "Clindamycin... ...schrecklich... bitter..."
"Was...?" Verwirrt blickte Nadeshda zwischen dem Professor und den kleinen Flaschen über dem Bett hin und her, brauchte einen Moment, bis ihr klar wurde, was er ihr sagen wollte. "Sie meinen, Sie haben einen schlechten Geschmack im Mund von dem Antibiotikum?"
Boernes Antwort war nur ein geseufztes „…mhmm...", seine Augen konnte er nicht mehr offenhalten.

Sogleich schaute Nadeshda sich um. Ein Schluck zu Trinken würde ihm bestimmt guttun, doch leider war weit und breit kein Becher zu sehen, geschweige denn Tee oder Wasser. Was bei seinem Zustand ja auch nicht wirklich verwunderlich war, er hatte schließlich gerade erst eine riesige OP überstanden. Bis er wieder etwas zu sich nehmen durfte, würden wahrscheinlich noch Tage vergehen.
Ihr lief immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn sie daran dachte, was er hatte durchmachen müssen und sie beobachtete bedrückt, wie er jetzt ganz leise stöhnte und die Augen zusammenkniff. In seiner Mimik war deutlich abzulesen, dass er sich elend fühlte, dabei hätte er doch mehr als alles andere einfach nur seine Ruhe verdient.
Hilflos drückte sie seine Hand.
Und dann fiel ihr etwas ein. Elektrisiert beugte sie sich vor. "Professor Boerne?"

Eine matte Kopfbewegung zeigte ihr, dass er sie gehört hatte und leise fuhr sie fort: "Ich habe Pfefferminz in der Tasche. Wollen Sie vielleicht eins?"
Boerne mühte sich nochmals, die Augen zu öffnen. "... darf ... nichts essen...", wisperte er kraftlos, doch ungeachtet dessen zog Nadeshda ein schmales Blechdöschen aus der Tasche und holte eine der kleinen, weißen Pastillen heraus.
"Die sind total klein, die lösen sich schon im Mund auf. Meinen Sie nicht, das wäre ok?" Sie hielt ihm das krümelige Bruchstück näher vors Gesicht.

Boerne kniff die Augen zusammen in den Versuch, schärfer zu sehen, dann deutete er ein Nicken an. "Doch... geht...", brachte er leise heraus.
Sie gab ihm das Miniaturzuckerstückchen in die Hand und half ihm, als er in einer unsicheren Bewegung versuchte, es zum Mund zu führen. Schwer sackte er danach zurück in sein Kissen, die kleine Bewegung hatte all seine Kräfte verbraucht.
"Sie verschlucken sich doch nicht daran?" Nadeshda war mit einem Mal unsicher, ob das mit dem Pfefferminz eine so gute Idee gewesen war. Boerne war so offensichtlich erschöpft, was, wenn er jetzt einschlief und es in den falschen Hals bekam?
Doch der Mann im Bett schüttelte schwach den Kopf und sie konnte sehen, wie er den kleinen Chip mit der Zunge in die Wange schob. "... alles gut... passiert nichts...", wisperte er dann leise.
Mit einem leichten Lächeln drückte sie die schlanken Finger, die sich für eine Sekunde etwas fester um ihre Hand schlossen, bevor der Professor mit einem Seufzen erschlaffte.

Er schluckte noch mehrfach, aber mit jedem Mal entspannten sich seine Gesichtszüge etwas mehr. Das kleine, intensiv minzige Bröckchen hatte wohl wirklich den bitteren Geschmack in seinem Mund überlagern können. Es dauerte nur ein paar Minuten, dann war sie sich sicher, dass er wieder schlief. Friedlich und ruhig.

Leise lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und nahm ihre Wache wieder auf, selber ebenfalls ein ganzes Stück entspannter als zuvor.
Vielleicht war sie hier doch nicht so fehl am Platze, wie sie es die ganze Zeit gedacht hatte.

Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
caraserpens
29. Mai 2015 09:09 (UTC)
Herrlich!
Pures Mitgefühl und ein sehr sympathischer, mitdenkender Charakter!

Schade, dass die Beiden im Tatort so wenig Szenen haben!

Gefällt mir überaus gut! Mehr davon! Du kannst die beiden in Interaktion gut schreiben, kann mir vorstellen, dass dir Geschichten mit diesem Paar - also nicht als Paar im eigentlichen Sinne, aber du weißt wie ich es meine, sehr gut gelingen würden.

Danke für diese wunderschöne Sequenz! Danke!
baggeli
29. Mai 2015 09:46 (UTC)
Schade, dass die Beiden im Tatort so wenig Szenen haben!
Ich glaube, wenn man die mal richtig miteinander agieren lassen würde, würde es auch ganz ordentlich ruundgehen. Ich erinnere mich da nur an Nadeshdas kurze Abfuhr in 'Fakten, Fakten' oder der coole Spruch vor/über Boerne zu Thiel in 'Mord ist die beste Medizin'... sie würde sich sicher trauen, den Mund aufzumachen, wenn sie einfach mehr Zeit und Gelegenheit dazu hätte. :D Trotzdem würden sie klarkommen, irgendwie. Weil beiden der Job und die Lösung des Falls wichtig ist.


Danke für diese wunderschöne Sequenz! Danke!

Freut mich sehr, dass du da so Spaß dran hattest!! Danke!!!
cricri_72
30. Mai 2015 08:06 (UTC)
Ah, ich sehe, wie der Kaugummi hier reingekommen wäre ;) Aber ich bin nicht undankbar über die längere Variante.

Von Nadeshda bekommt man irgendwie immer am wenigsten mit, schön, daß sie hier mal so viel Raum bekommt.

Aber natürlich hat mir trotzdem das mit am besten gefallen, kannst Du Dir ja denken ;)
dass der einzige, der Frau Hallers Abwesenheit einigermaßen kompensieren konnte, Nadeshdas grummeliger Vorgesetzter war. Hauptkommissar Thiel, dessen Anwesenheit der Professor, auch wenn er nicht ansprechbar war, auf unerklärliche Weise zu spüren schien und die ihm im wahrsten Sinne des Wortes half, zu ruhen. Thiel, dessen leise, beschwichtigende Einwortsätze ihn schneller als alles andere in die Realität zurückschnappen lassen konnten,
baggeli
30. Mai 2015 10:38 (UTC)
Ah, ich sehe, wie der Kaugummi hier reingekommen wäre
Hehe, ja. War erst eins, konnte ich mit mir als Krankenschwester aber nicht vereinaberen. Zumindest nicht in diesem Setting. Dann hätts zum Beispiel in "Mord ist die beste Medizin" sein müssen, da wäre es gegangen.

Von Nadeshda bekommt man irgendwie immer am wenigsten mit, schön, daß sie hier mal so viel Raum bekommt
Ich mag sie auch. Aber gerade bei ihr kann man einfach nur spekulieren. Egal, ich hab sie mir einfach mal geschrieben, wie sie mir gefällt.


Aber natürlich hat mir trotzdem das mit am besten gefallen, kannst Du Dir ja denken ;)

:D Du weißt ja, ich bin immer der Meinung, die "Bindung" zwischen Thiel und Boerne kann gar nicht eng genug sein. (Wenn ich auch nicht so weit gehe, sie zu verkuppeln *kicher*) Aber ich mag nun mal alle Geschichten, in denen sich zeigt, wie wichtig sie sich sind und dementsprechend halte ich mich da auch selber nicht zurück. Und ich habe kein schlechtes Gewissen :D :D :D
( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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