?

Log in

No account? Create an account

zurück | vor

Bingo-Prompt 4

Titel: Endlich!
Fandom: Tatort Münster
Prompt: Endlich!
Medium: Fanfiction, Fanart
Zusammenfassung: Er hatte das Gefühl, keinen Schritt mehr tun zu können, keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können, aber alle Kollegen machten weiter und so tat er es ihnen gleich - er konnte sich ausruhen, wenn dieser Fall gelöst war. Wenn die Angehörigen der Opfer wussten, dass die Gerechtigkeit gesiegt hatte.
Anmerkungen Alles andere als leichtherzig; düster oder befremdlich trifft es eher. Das Ende ist so ein Ding, mit dem ich noch nicht im Reinen bin, mag sein, dass sich da noch etwas ändert. Bleibt jetzt so, ich ändere nichts mehr.
Gut möglich (bzw. sehr wahrscheinlich), dass ihr den Text völlig daneben findet, aber er wollte heute Abend geschrieben werden.


Mit einem Seufzen stieg er aus dem Taxi aus. Endlich zu Hause! Die wenigen Meter bis zur Eingangstür kamen ihm unendlich weit vor; den Schlüssel ins Schloss zu stecken und ihn herumzudrehen, war eine Herausforderung.
Sich die Stufen in den ersten Stock hinaufzuquälen glich einem Kraftakt, wie er ihn seit langer Zeit nicht bewältigt hatte; aber endlich, endlich stand er vor seiner Wohnungstür.

Die Tasche ließ er achtlos auf den Boden fallen, als er in den Flur trat und die Tür hinter sich ins Schloss warf. Er ignorierte die Tatsache, dass sich die meisten Mieter des Hauses wahrscheinlich gerade im Tiefschlaf befanden; für solche Nebensächlichkeiten hatte er im Moment keinen Sinn.
Auf dem Weg zur Dusche zog er sich aus; die Kleidungsstücke landeten, wo er sich von ihnen trennte, um nichts in der Welt konnte er die Energie aufbringen, sie jetzt aufzuheben und in den Wäschekorb zu werfen.
Kaum in der Dusche, drehte er das heiße Wasser auf und ließ es sich auf den Kopf prasseln. Ihm war so kalt; er hatte das Gefühl, dass er schon seit Ewigkeiten nicht mehr richtig warm geworden war. Daran war der letzte Fall schuld, mit dem er sich beschäftigt hatte; der ein Gefühl von Übelkeit hinterlassen hatte und eine Eiseskälte in den Knochen, die nicht nur auf den extremen Schlafmangel zurückzuführen war, unter dem er litt, oder auf die Tatsache, dass er die letzte richtige Mahlzeit noch vor seiner letzten ordentlichen Nachtruhe zu sich genommen hatte.
Es mussten inzwischen bald zweiundsiebzig Stunden sein, seit denen er - von gelegentlichen Bissen zwischen Tür und Angel, gegen jeden Hunger heruntergezwungen, und zwei Schlafpausen, die nur einen Bruchteil seines normalen Ruhebedarfes abdeckten, einmal abgesehen - auf den Beinen war.

Das Bad war inzwischen voller Dampf und er merkte, dass das heiße Wasser seinem Kreislauf nicht bekam; ihm wurde schwindelig. Er hatte in den letzten Tagen mehrfach das Gefühl gehabt, dass der Boden unter seinen Füßen wankte; die Spannungskopfschmerzen, die ihn seit einer Weile begleiteten, hatten seinem Gleichgewicht ebenfalls nicht gutgetan. Er ließ sich an den Wandkacheln entlang auf den Boden der Duschtasse rutschen, wo er den Kopf auf die angezogenen Knie legte und sitzen blieb; kalt war ihm immer noch.

Seine Gedanken wanderten zurück zu den Mordopfern, mit denen er sich in den letzten Tagen beschäftigt hatte; eine alte Kollegin aus Hamburg hatte ihn um Hilfe gebeten und er hatte sie ihr nicht ausgeschlagen.
Der Fall war fordernd, frustrierend, fürchterlich und gleichzeitig faszinierend gewesen. Er ließ ihn nicht los und doch stieß er ihn ab; selten hatte er sich so ambivalent gefühlt. Aber seine Kollegin und er hatten nicht geruht, hatten sich nicht geschlagen gegeben – und sie hatten es geschafft. Die Blicke der Menschen, denen das Liebste genommen worden war, die in größter Verzweiflung und doch mit Dankbarkeit auf ihm geruht hatten, verfolgten ihn noch immer.



Als er in der Nacht einfach nur ausgebrannt in sein Hotelzimmer gekommen war, hatte er dort ein Fax von seiner Assistentin vorgefunden; in Münster wartete der nächste grausame Mord auf ihn. Ohne noch eine Sekunde zu zögern, hatte er seine Sachen gepackt und sich in den nächsten Zug nach Hause gesetzt.
Die ganze Fahrt hindurch hatte er ihren zwanzigseitigen Bericht wieder und wieder durchgearbeitet, versucht, in den völlig widersprüchlichen Informationen irgendeinen Sinn zu sehen, irgendein Muster, irgendeine Idee zu entwickeln. Aber das war ihm bislang verwehrt geblieben.



Als das Wasser langsam kühler wurde und er noch mehr zu frieren begann als zuvor, brachte er endlich die Energie auf um aufstehen, sich abzutrocknen.
Er machte sich nicht die Mühe, zum Schlafen etwas anzuziehen; in einer Stunde würde der Wecker klingeln, er würde zur Arbeit fahren und sich den neuen Gräueltaten stellen, die auf ihn warteten. Es kam nicht oft vor, aber dies war einer der wenigen Momente in seinem Leben, in denen er sich fragte, warum er sich das antat.

Immer noch frierend kroch er unter die kühlen Laken und hoffte, dass diese eine Stunde Ruhe ihm etwas Wärme bringen würde, etwas mehr inneres Gleichgewicht, etwas mehr Kraft.



Wie erwartet stürzte er ins Chaos, in dem Moment, in dem er seinen Arbeitsplatz betrat. Akten stapelten sich auf seinem Schreibtisch, Emails ließen sein Postfach überquellen, es gab so viele Indizien, tausend Details zu bedenken.
Wer ihn aufrecht hielt, wenn er dachte, er würde zusammenbrechen, am Boden hielt, wenn er das Gefühl hatte, er müsse in die Luft gehen, war seine Assistentin, die ihn seit vielen Jahren kannte; die ihn manchmal besser kannte, als er sich selbst; die wie ein Schutzschild fungierte, wenn zu viel auf ihn einstürzte und die ihn stärkte, wenn er müde wurde. Manchmal kam sie ihm vor wie ein warmes Licht; das einzige Licht, das im Moment in der Lage war, die immer noch in seinen Knochen gegenwärtige Kälte ein wenig zu lindern.
Sich ihr gegenüber dahingehend äußern würde er nie; aber das war auch nicht notwendig, er wusste, dass sie ihn verstand.


Neben der vielen Arbeit im Büro hatten sie alle Tatorte besichtigt, bis zum Ende des Tages zwei Hausdurchsuchungen hinter sich gebracht und eine dritte stand noch an; er hatte das Gefühl, keinen Schritt mehr tun zu können, keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können, aber alle Kollegen machten weiter und so tat er es ihnen gleich – er konnte sich ausruhen, wenn dieser Fall gelöst war. Wenn die Angehörigen der Opfer wussten, dass die Gerechtigkeit gesiegt hatte.


Die Arbeit zog sich bis in die Morgenstunden, aber sie hatte sich gelohnt; das eine Detail, das noch fehlte, das letzte Puzzlestück, das plötzlich alle Steine des Bildes an die rechte Stelle fallen ließ, sie hatten es endlich gefunden.
Als er sich wie in der Nacht zuvor die Stufen zu seiner Wohnung hinaufschleppte und sich diesmal nicht einmal die Mühe machte, sich auszuziehen, war er eingeschlafen, bevor sein Kopf das Kissen berührte.

Nur eine gute Stunde später klingelte das Telefon und Staatsanwältin Klemm informierte ihn darüber, dass die Pressekonferenz schon in kürzester Zeit stattfinden würde. Er musste sich beeilen, um zumindest geduscht und rasiert zu sein, bevor er ins Präsidium eilte.



Er war den Weg zum Kriminalkommissariat im zweiten Stock schon unzählige Male gegangen, aber noch nie in einem solchen Zustand wie jetzt gerade. Er hatte das Gefühl, nur noch ein Teil von ihm sei wach und lebendig; ein kleiner Teil seines Geistes, der sich mühte, die Kontrolle über den vor Kälte zitternden Körper zu behalten. Doch die Kontrolle schwand mehr und mehr.
Aber nun würde es nicht mehr lange dauern, bis er endlich schlafen konnte. Endlich ausruhen; Abstand gewinnen, etwas essen. Endlich wieder warm werden, endlich wieder er selbst sein.
Im Büro begegnete ihm Nadeshda. „Ah, da sind Sie ja!“ Sie lächelte ihn an und er versuchte, zurückzulächeln; ob ihm das gelungen war? Er war sich nicht sicher.
„Die Pressekonferenz ist um eine halbe Stunde verschoben worden, Frau Klemm hat gerade Bescheid gegeben.“
Diese Nachricht ließ ihn in sich zusammensacken. Noch länger warten. Er war so müde; ihm war so kalt.

„Danke, Nadeshda“, war alles, was er hervorbrachte, aber sie war schon längst weitergegangen.
Eine plötzliche Schwindelattake ließ ihn an die Wand taumeln; mit einer Hand hielt er seinen Kopf, mit der anderen stützte er sich an der kalten, harten Mauer ab; sie war wie ein Anker, der ihm zeigte, dass sich nicht der Raum drehte, sondern nur sein Kopf; dass er auf festem Grund stand, obwohl er das Gefühl hatte, ins Nichts zu stürzen.
Er stolperte zu dem verschlissenen Ledersessel an der Wand und fiel hinein; seine Beine trugen ihn nicht mehr. Er hörte ein Stöhnen; war er das gerade selbst gewesen? Die Morgensonne, die durch die Fenster in seine Augen schien, ließ den Schmerz, den er seit Tagen in seinem Kopf verspürte, explodieren. Er presste die Lider zusammen und die Hände an seinen Kopf, hoffte, dass das schreckliche Gefühl des sich Drehens etwas nachlassen würde; er kannte diesen Zustand, hatte ihn schon zwei- oder dreimal durchlebt; es war ein Zeichen der endgültigen Übermüdung, ein Zeichen, dass er all seiner Willensstärke zum Trotz gerade das Ende seiner Kräfte erreicht hatte.
Sein Kopf sank schwer auf die Rückenlehne des Sessels und in diesem Moment wurde ihm klar, dass er nicht mehr die Kraft hatte, die Augen wieder zu öffnen. Er kam sich vor, als sei er in einen dunklen Strudel gestürzt, der ihn langsam nach unten zog; der ihn von der Realität abschnitt, mit seinen eigenen Gedanken allein ließ und ihn unfähig machte, sich zu bewegen. Er wollte sich endlich fallenlassen, wollte nur noch schlafen; langsam sank er immer tiefer.

Über das Rauschen in seinen Ohren hörte er Stimmen, aber er konnte die Worte nicht verstehen; sie klangen beunruhigt. Plötzlich wurde sein Gesicht sanft umfasst; die Hände waren klein, weich und warm. Eine Hand löste sich von seiner Wange und legte sich auf seine Stirn, die andere fühlte er an seinem Hals; er lehnte sich in die Berührung, in die Wärme, saugte sie auf. Er kannte diese Hände, vertraute ihnen.
„Chef? Chef, was ist denn mit Ihnen? Sind Sie krank? Haben Sie Schmerzen?“
Die Stimme durchdrang die dröhnende Stille in seinem Kopf; sie klang besorgt; aber sie sollte sich nicht sorgen, ihm würde es bald wieder gut gehen; er musste nur schlafen. Er wollte ihr das sagen, sie beruhigen, und unter Aufbietung all seiner Kräfte gelang es ihm tatsächlich.

„…müde… so kalt…“
Mehr brachte er nicht hervor. Die Kälte in seinen Knochen nahm noch weiter zu, ein letzter rationaler Teil seines Verstandes realisierte, wie er unkontrolliert zitterte; aber die wohltuend warmen Hände ließen ihn nicht los, strichen ihm behutsam die Haare aus der Stirn, bleiben bei ihm; und dann wurde etwas Weiches über ihm ausgebreitet, hüllte ihn ein. Für einen kurzen Moment wunderte er sich noch über den Geruch, der ihm in die Nase stieg; dann rauschte die Dunkelheit wie eine Woge an ihn heran und schlug über ihm zusammen.




Der Weg zurück an die Oberfläche war lang.
Das erste, was ihm auffiel, als sein Gehirn wieder ganz langsam damit begann, seine Sinneswahrnehmungen zu verarbeiten, war die Tatsache, dass ihm nicht mehr so kalt war; er fühlte sich zum ersten Mal seit Tagen nicht mehr eisig, sondern fast angenehm; auch die Kopfschmerzen waren wesentlich erträglicher geworden.
Das nächste, was in sein Bewusstsein drang, waren Geräusche. Ein hörte leises Gemurmel; jemand tippte zügig auf einer Tastatur, ein Telefon klingelte kurz, bevor der Hörer abgehoben wurde.
Langsam lichtete sich der Nebel in seinen Gedanken. Er war im Präsidium; die Pressekonferenz würde bald beginnen.
Er drehte den Kopf, um zu vermeiden, dass ihm die grelle Sonne erneut in die Augen stach; aber diese Bewegung löste in seinem Gleichgewichtsorgan einen wahren Sturm aus. Er fühlte sich plötzlich, als stünde er an Deck eines Schiffes auf hoher See. Mit einem Stöhnen fasste er sich an den Kopf, realisierte dabei, dass eine Decke von seinem Oberkörper herunterrutschte. Ein Schreibtischstuhl rollte über Linoleum, Schritte näherten sich.
Als nach wenigen Sekunden das schwankende Gefühl etwas nachließ, öffnete er vorsichtig die Augen.
Die Sonne verursachte diesmal keine Schmerzexplosion, aber es dauerte einen Moment, bis die Umgebung ihre Undeutlichkeit verlor; bis er erkannte, dass Nadeshda vor seinem Sessel kauerte. „Gott sei Dank, da sind Sie ja wieder. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
Sie schien aufgewühlt, also versuchte er, sie zu beruhigen. „Es geht mir gut.“ Er wunderte sich selber, wie heiser seine Stimme klang und wie schwer seine Zunge war.
In diesem Augenblick kam sein Kollege in sein Sichtfeld und hockte sich neben Nadeshda. Zwei leuchtend blaue Augen fixierten ihn besorgt. „Mensch Boerne, Sie haben uns einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Machen Sie das nicht noch einmal, ja?“


Er versuchte, sich etwas aufzurichten, aber das war nicht so leicht; seine Glieder fühlten sich bleischwer an. Zum Glück ließ der Schwindel mehr und mehr nach.
Er rieb sich die Augen, als Thiel schon weitersprach. „Sie sind so in diesem Sessel zusammengebrochen, ich hatte Angst, Sie hätte der Schlag getroffen.“ Der Kommissar fuhr sich durch die Haare und Nadeshda ergriff das Wort. „Sie waren leichenblass, haben stark gezittert und waren nicht ansprechbar; ich hätte den Notarzt gerufen, wenn nicht zufällig Frau Haller mit den Unterlagen für die Pressekonferenz hereingekommen wäre. Sie hat Sie untersucht und es wenigstens geschafft, eine Antwort von Ihnen zu bekommen. Das war schon mal beruhigend; kurz darauf sind Sie ganz tief eingeschlafen.“

Er schaute zwischen ihren Gesichtern hin und her; die deutliche Sorge, die sie ausstrahlten, die fast greifbar war, rührte ihn; gleichzeitig fühlte er sich unbehaglich.
„Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken“, murmelte er schließlich und ließ den Kopf an die Lehne des Sessels zurückfallen. Er war immer noch müde.
Thiel seufzte. „Sie sollen sich nicht entschuldigen; aber Sie sollen besser auf sich achtgeben. Wir hätten Sie doch nicht so mit eingespannt, wenn wir gewusst hätten, was Sie in Hamburg erlebt haben. Ich dachte, Sie hätten sich dort ein schönes Wochenende gemacht; und heute höre ich, dass Sie drei Tage mehr oder weniger ohne Schlaf durchgearbeitet und ein Monster hinter Schloss und Riegel gebracht haben.“


Seine Gedanken waren immer noch träge; er konnte Thiel nicht folgen. „Woher wissen Sie davon; ich habe doch noch niemandem etwas erzählt?“
Die blauen Augen waren ernst und gleichzeitig mitfühlend, als ihr Blick sich in seinen bohrte. „Es steht in allen Zeitungen. Der Fall der ermordeten Kinder; Ihre Kollegin ist voll des Lobes und betont, dass es nur Ihnen zu verdanken ist, dass der Mörder nicht wegen mangelnder Beweise auf freien Fuß gesetzt werden musste.“

Er schüttelte sich in Erinnerung an die Tage in Hamburg; in Erinnerung an die Kälte, die ihn die ganze Zeit nicht losgelassen hatte, die sich auch jetzt noch wieder in seinen Knochen bemerkbar machte. Er wollte einfach nur ins Bett, weiterschlafen, noch wärmer werden. Aber vorher hatte er noch eine Aufgabe zu erledigen. „Was ist mit der Pressekonferenz? Wann findet sie endlich statt? Ich möchte nach Hause.“
Auf Nadeshdas Gesicht breitete sich ein Lächeln aus und Thiel zog amüsiert die Augenbrauen hoch, als er antwortete: „Boerne, die ist seit sechs Stunden vorbei.“
„Oh Gott.“ Erschöpft schloss er die Augen. „Die Klemm wird mich umbringen.“
Eine Hand legte sich auf seinen Arm und Thiels Stimme klang beruhigend. „Nein, das wird sie nicht. Sie hat sich mindestens ebenso erschreckt wie wir, als Sie so plötzlich zusammengeklappt sind. Ich musste versprechen, dass ich sie anrufe, wenn Sie endlich wieder wach sind.“
Die Hand drückte seinen Arm und er merkte, wie Thiel sich erhob. „Kommen Sie, versuchen Sie, aufzustehen. Ich fahre Sie nach Hause.“

Es fiel ihm schwer, aber er schaffte es, auf die Füße zu kommen. Während er sich aufrichtete, rutschte die Decke von seinem Schoß auf den Fußboden; nein, keine Decke. Irritiert bemerkte er, dass er mit einem Mantel zugedeckt gewesen war; einem dunklen Mantel, der ihm vage bekannt vorkam. Und mit einem Mal erinnerte er sich an den Geruch, den er wahrgenommen hatte, kurz bevor sich jeder bewusste Gedanke in Schwärze aufgelöst hatte; ein Duft nach einem herben Frauenparfüm und Zigarettenqualm.
Er wollte sich bücken und den Mantel nehmen, aber er kam ins Taumeln; Thiel verstärkte seinen Griff und hielt ihn aufrecht, Nadeshda hob das Kleidungsstück auf.
Der Kommissar sah seinen verwunderten Blick und beantwortete die unausgesprochene Frage. „Sie haben gezittert wie Espenlaub aber im ganzen Präsidium gab es keine Decke; das konnte sie wohl nicht mit ansehen.“
Er schüttelte ungläubig den Kopf und ließ sich dann von Thiel aus dem Büro leiten.



Mit einem Seufzen stieg er aus dem Auto aus. Endlich zu Hause! Die wenigen Meter bis zur Eingangstür kamen ihm unendlich weit vor; aber der Arm, der sich um seine Schultern legte, half ihm, den Weg ohne zu stolpern zurückzulegen.
Den Schlüssel ins Schloss zu stecken und herumzudrehen, war eine Herausforderung, die er in seinem Zustand nicht mehr bewältigen hätte können, doch die Aufgabe wurde ihm abgenommen.
Sich die Stufen in den ersten Stock hinaufzuquälen glich einem Kraftakt; er merkte selber, wie Thiel mehr und mehr seines Gewichtes übernehmen musste, und endlich, endlich stand er vor seiner Wohnungstür.

Im Schlafzimmer angekommen, zog er sich aus; die Kleidungsstücke landeten, wo er sich von ihnen trennte, um nichts in der Welt konnte er die Energie aufbringen, sie jetzt aufzuheben und in den Wäschekorb zu werfen. Thiel kam gar nicht auf den Gedanken, das zu tun - er nahm diese Dinge nicht so genau.

Er selbst hätte sich nicht die Mühe gemacht, zum Schlafen etwas anzuziehen, ihm fehlte die Kraft; aber Thiel half ihm in T-Shirt und Pyjamahose und schlug dann die Decke zurück.

Immer noch fröstelnd kroch er unter die kühlen Laken, reagierte nur mit einem gemurmelten „Danke“, als sein Nachbar sich von ihm verabschiedete und ihm zusicherte, dass er später nochmals vorbeischauen würde.



Für eine Minute kreisten seine träger werdenden Gedanken um die letzten Tage und um seine Kollegen; und langsam wurde ihm klar, dass der Fall in Hamburg ihm deshalb so zugesetzt hatte, weil er dort nahezu allein gearbeitet hatte; die Kollegen, mit denen er schon durch dick und dünn gegangen war, die etwas Licht mitbrachten, wenn die Welt zu dunkel wurde, die hatten gefehlt.
Seufzend rutschte er tiefer unter die Decke und realisierte, dass ihm langsam wärmer wurde; wohlig warm.

Endlich.

endlich

Comments

( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
29. Sep 2012 05:39 (UTC)
Super. Wirkt klasse, so fast ohne Dialog, nur die Gedanken der Hauptperson.

Mich hast Du überrascht. Mehr sage ich erst mal nicht, für den unwahrscheinlichen Fall, daß jemand erst diesen Kommentar und dann den Text lesen sollte ;) Ich habe ihn jedenfalls sofort ein zweites Mal gelesen :) Er ist schon eher düster, und der Zustand der Schlaflosigkeit und Erschöpfung so anschaulich beschrieben, daß man mitfühlt. Aber beim Ende wird einem dann wieder warm.

Das Ende funktioniert für mich sogar sehr gut. Das ist eine elegante Art, den Anfang noch einmal aufzugreifen. Womit bist Du noch unzufrieden?

Über Lieblingsstellen muß ich nochmal nachdenken, ich glaube, mir hat alles als "Gesamtkunstwerk" gefallen ;) Und jetzt schreibe ich ENDLICH mein letztes Kapitel zuende, wovon ich schon seit drei Wochen rede ...

Edited at 2012-09-29 07:15 (UTC)
baggeli
29. Sep 2012 07:55 (UTC)
Guten Morgen!!

Super. Wirkt klasse, so fast ohne Dialog, nur die Gedanken der Hauptperson.

Ich war nicht sicher, ob das so funktioniert, aber anders schreiben wollte ich es nicht.

Mich hast Du überrascht
Das wollte ich auch; ich wollte, dass der Leser ein bestimmtes Bild vor Augen hat, um es dann umzuwerfen; genauso fühle ich mich nämlich gerade

Das Ende funktioniert für mich sogar sehr gut. Das ist eine elegante Art, den Anfang noch einmal aufzugreifen. Womit bist Du noch unzufrieden?

Ich bin mir nicht sicher, ob das irgendwie zu kitschig ist; und ob es passt, der Person solche Gedanken unterzuschieben. Aber meiner Meinung nach sind die wenigsten Menschen echte Einzelkämpfer und die meisten sich der Wichtigkeit anderer in ihrem Leben durchaus bewusst

Und jetzt schreibe ich ENDLICH mein letztes Kapitel zuende
Das klingt doch gut! Dann viel Erfolg, dass das schaffst. Endlich. =D
cricri_72
29. Sep 2012 10:49 (UTC)
irgendwie zu kitschig
Find ich nicht. Nun kann man natürlich sagen, daß angesichts meiner Texte ich vielleicht die letzte bin, die was zum Thema Kitsch sagen sollte ;) Aber ich habe hier überhaupt nicht in die Richtung gedacht, vielleicht auch, weil die Formulierung nicht pathetisch ist. Und Boerne ist wohl egozentrisch, das heißt aber nicht, daß er andere Menschen gar nicht wahrnimmt. Oder daß er sich nicht einsam fühlen kann (das gibt ja nun sogar der Canon her). Ich finde den Gedanken für ihn keineswegs OOC. Aussprechen würde er das wohl nicht so schnell ;)

Ach ja, Lieblingssatz (einer von vielen):
Thiel seufzte. „Sie sollen sich nicht entschuldigen; aber Sie sollen besser auf sich achtgeben.
Ist einfach sehr schön und wird beim wiederholten Lesen immer noch schöner. Soviel ehrliche & undramatische Sympathie würde ich mir (wenigstens ab und an) auch im Tatort selbst wünschen ...

und hier
Im Schlafzimmer angekommen, zog er sich aus; die Kleidungsstücke landeten, wo er sich von ihnen trennte, um nichts in der Welt konnte er die Energie aufbringen, sie jetzt aufzuheben und in den Wäschekorb zu werfen. Thiel kam gar nicht auf den Gedanken, das zu tun - er nahm diese Dinge nicht so genau.
mußte ich lachen, weil es so Thiel & Boerne ist, v.a. aber, weil es die Ernsthaftigkeit dieser Stelle, die ich ja ohnehin sehr gerne mag (die Wiederholung zum Anfang + Thiel) noch mal mit Humor bricht.

*geht weiter schreiben*
baggeli
29. Sep 2012 11:17 (UTC)
'irgendwie zu kitschig'
Find ich nicht

Dann ist es ja gut.

Aussprechen würde er das wohl nicht so schnell
Mit Sicherheit nicht; sowas ähnliches hatte ich ja weiter oben im Text auch schon einmal angedeutet.

und hier [...] mußte ich lachen, weil es so Thiel & Boerne ist, v.a. aber, weil es die Ernsthaftigkeit dieser Stelle, die ich ja ohnehin sehr gerne mag (die Wiederholung zum Anfang + Thiel) noch mal mit Humor bricht
Gut, dass das zum Schmunzeln anregt; zusammen mit der Wärme am Schluss hoffe ich, dass man trotz der eher düsteren Atmosphäre der Geschichte nach dem Lesen irgendwie zufrieden ist
cricri_72
10. Okt 2012 08:03 (UTC)
Ohne Deinen Hinweispost hätte ich gar nicht mitgekriegt, daß es hierzu inzwischen auch Bilder gibt!

Thiel ist ausgesprochen gut getroffen, finde ich. Und ich mag diesen eher comichaften Stil ganz gerne, das gefällt mir auch bei Farfie immer.
baggeli
10. Okt 2012 10:20 (UTC)
Mir bleibt nichts anderes übrig, als comichaft zu zeichnen, "echt" kann ich nämlich nicht. *seufz*
Aber egal, ich mag das auch. Sonst würde ich es ja nicht fabrizieren. :D
( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

Latest Month

April 2018
S M T W T F S
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930     

Tags

Gehostet von LiveJournal.com
Designed by Tiffany Chow