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Bingo-Prompt 5

Titel: Glücklich davongekommen
Fandom: Tatort Münster
Prompt: eine Verletzung verbergen/sich nichts anmerken lassen
Medium: Fanfiction
Zusammenfassung: Thiel war inzwischen bis auf wenige Meter an seine Kollegen herangekommen und holte schon alle offiziellen Papiere hervor, die er benötigte, um Einlass in die Villa zu fordern, als einer seiner Mitarbeiter den Klingelknopf betätigte.
Im gleichen Augenblick versank Thiels Welt im Chaos
Anmerkungen: Ich war gestern Abend in Bombenstimmung. Sozusagen.
Die Namen von Thiels Kollegen stammen aus Der doppelte Lott.


Während Hauptkommissar Frank Thiel durch die Drehtüren der Staatsanwaltschaft nach draußen stürmte, zog er sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte die Nummer seiner Assistentin. Nadeshda meldete sich gleich nach dem ersten Klingeln.
„Ich habe den Durchsuchungsbefehl!“ Thiel rief es beinah in den Hörer und gab sich keine Mühe, seine Befriedigung zu verhehlen. Er riss die Tür des Taxis auf, das vor dem Gebäude auf ihn wartete. „Wir treffen uns in fünfzehn Minuten vor der Villa, in Ordnung? Und bringen Sie Boerne mit, den können wir brauchen… Ja, bis gleich!“
Zufrieden klappte er sein Telefon zu und schnallte sich an, während sein Vater sich schon in den Verkehr einfädelte.
„Wohin soll’s denn gehen, Junge?“
„Mondstraße in St. Mauritz“, antwortete Thiel und lehnte sich zurück.
„Sowas…“ Sein Vater zog die Augenbrauen hoch. „Schnieke Gegend. Und du glaubst, da hat einer Dreck am Stecken?“
Thiel schnaubte, als er einen Seitenblick auf seinen Vater warf. „Du kannst dir doch denken, dass es uns bei der Mordkommission nicht um Taschendiebstähle geht. Also bohr‘ jetzt mal nicht weiter, du weißt genau, dass ich über einen aktuellen Fall nicht sprechen darf.“
„Schon gut, schon gut.“ Sein Vater gab sich geschlagen und den Rest der Fahrt döste Thiel ein wenig vor sich hin.



Eine gute Viertelstunde später stoppte Herbert seinen Wagen vor den schmiedeeisernen Toren eines Herrenhauses. Thiel stieg aus und sah schon von weitem, dass seine Kollegen sich bereits versammelt hatten und nur noch auf ihn warteten.
Er klopfte seinem Vater kurz aufs Autodach. „Du kannst weiter Vaddern, das hier dauert ein paar Stunden. Und nachher fahr‘ ich mit Nadeshda ins Präsidium zurück.“
Herbert winkte ihm zu. „Alles klar, Frankie. Bis dann!“ Thiel warf die Tür zu und sein Vater lenkte das altersschwache Taxi nach einem Blick über die Schulter zurück auf die Straße.



Eilig stapfte Thiel die Kiesauffahrt hinauf in Richtung seiner Kollegen. Das protzige Haus, auf das er zusteuerte, war umgeben von einem riesigen, gepflegten Garten. Seine Truppe hatte sich auf der großflächigen Terrasse versammelt, die das ganze Haus umgab; Nadeshda lehnte oben am Geländer der Treppe, die zu der Veranda hinaufführte und hatte die Arme wartend verschränkt. Auch Boerne war schon angekommen, er stand eine Stufe unter Nadeshda und unterhielt sich angeregt mit ihr.

Nadeshda, die während ihres Gesprächs mit dem Professor in Thiels Richtung schaute, bemerkte seine Ankunft als erste. Sie winkte ihm einen kurzen Gruß zu und rief dann über die Schulter: „Peter, du kannst schon mal läuten, der Chef ist im Anmarsch.“ Mit einem Lächeln drehte sie sich zu Thiel zurück.
Er war inzwischen bis auf wenige Meter an sie herangekommen und holte schon alle offiziellen Papiere hervor, die er benötigte, um Einlass in die Villa zu fordern, als sein Kollege den Klingelknopf betätigte.
Im gleichen Augenblick versank Thiels Welt im Chaos.



Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die Ruhe des schläfrigen Villenviertels. Das ganze Haus schien zu erbeben; alle Fensterscheiben zerplatzten gleichzeitig und auch die große, hölzerne Tür zerbarst in einem Schauer von Splittern.
Es kam dem fassungslosen Thiel vor, als müsse er wie ihn extremer Zeitlupe mit ansehen, wie die Kraft der Explosion seine Kollegen an der Tür wegkatapultierte, als seien sie gewichtslose Marionetten.


Nadeshda wurde von der fürchterlichen Wucht der Detonation nach vorne geworfen. Ihr Lächeln wandelte sich zu einem Ausdruck des Entsetzens, als sie mit weit ausgebreiteten Armen hilflos gegen den Rechtsmediziner geschmettert wurde, der immer noch vor ihr stand. Die Gewalt der Druckwelle schleuderte Nadeshda und Boerne im hohen Bogen die Treppenstufen hinab; und den Bruchteil einer Sekunde später wurde auch Thiel von den Füßen gerissen.
Er hatte das Gefühl, er würde sich selbst dabei beobachten, wie er von der enormen, unsichtbaren Kraft gepackt und ein paar Meter weiter hinten zu Boden geworfen wurde.



Ein siedend heißer Schmerz durchzuckte seine Schulter, als er auf den Boden prallte, ließ ihn den Atem anhalten und bewegungslos verharren; für einen Augenblick hatte er nur einen schrecklichen, schrillen Pfeifton im Ohr, aber nach wenigen Sekunden ließ das unangenehme Geräusch nach und sein Hörvermögen kehrte zurück; und in dem Augenblick übernahmen sein Instinkt und seine Ausbildung das Kommando. Den Schmerz ignorierend und bevor es ihm überhaupt recht bewusst wurde, war er aufgesprungen und rannte auf seine Kollegen zu.
Sein Magen krampfte sich bei ihrem Anblick zusammen.



Boerne lag ein paar Meter vor der Treppe leblos und verkrümmt auf dem Rücken, die Arme neben dem Kopf. Seine Augen waren geschlossen, das rechte Brillenglas gesplittert; ein Blutrinnsal tropfte von seiner Schläfe in seine Haare.
So, wie Nadeshda durch die Explosion gegen ihn geschleudert worden war, war sie auch gelandet; halb auf seinem Oberkörper, ihr Gesicht an seiner Schulter.

Als Thiel sich in Panik neben ihnen auf die Knie warf, rappelte seine Assistentin sich gerade langsam auf. Benommen, mit weit aufgerissenen Augen, starrte sie ihn an. „Chef… was…?“
Thiel fasste sie mit beiden Händen an den Schultern, half ihr, sich hinzusetzen. „Nadeshda, sind Sie verletzt? Ist alles in Ordnung?“


Während er die dringlichen Fragen stellte, registrierte er voller Erleichterung, dass auch Boerne sich regte. Mit einem Aufstöhnen kniff der Professor die Augen zu, fasste sich an den Kopf und setzte sich dann mühsam auf; Nadeshda fuhr sich indessen mit einer zitternden Hand durch die Haare und schien immer klarer zu werden. „Es geht mir gut, Chef. Und Sie?“
„Alles ok. Boerne, was ist mit Ihnen? Sind Sie verletzt?“ Er wunderte sich selbst, wie seine Stimme bebte; Nadeshda blickte sich indessen um und erstarrte. „Mein Gott.“ Es war nur ein Wispern.


Ein leises Wimmern und auch Stöhnen von den verletzten Kollegen oben auf der Terrasse drang an seine Ohren, aber Thiel konzentrierte sich im Augenblick auf die beiden, denen er am nächsten war. „Boerne?“ Er war besorgt, weil sein Kollege nicht auf seine Frage reagierte. Der Rechtsmediziner schüttelte seinen Kopf, als wolle er ihn klarbekommen und fasste sich an die Ohren; dann fiel sein Blick auf die Verwüstung, die die Explosion hinterlassen hatte.
„Boerne, hören Sie mich?“
Ganz plötzlich, statt einer Antwort, schnellte Boerne auf; und bevor Thiel überhaupt realisierte was geschah, wurde er mit festem Griff gepackt und ebenfalls auf die Beine gezerrt. „Nadeshda, informieren Sie die Rettung. Mindestens drei Fahrzeuge! Thiel, Sie helfen mir!“ Mit diesen Worten stürmte der Professor die wenigen Stufen zur Veranda hinauf und rannte auf den ersten Kollegen zu, der bewegungslos auf den Fliesen lag.


Thiel, erleichtert, dass es auch Boerne gutging, stolperte so schnell er konnte hinter ihm her, biss die Zähne zusammen, als der Schmerz in seiner Schulter erneut aufflammte; dafür hatte er jetzt keine Zeit.
Er kniete sich hin, als der Professor bereits Puls und Atmung des jungen Mannes überprüft hatte und ihn nun ansprach. „Hoffmann, hören Sie mich? Hoffmann!“ Er bekam keine Antwort.
Mit einer unwilligen Bewegung wischte Boerne das Blut ab, das ihm von der Platzwunde an seiner Stirn ins Auge gelaufen war, dann hob er die Lider des reglosen Polizisten und schaute ihm kurz in die Augen. „Er ist bewusstlos. Tief bewusstlos, so wie es aussieht. Bringen Sie ihn in die stabile Seitenlage und seien Sie in Gottes Namen vorsichtig, wer weiß, ob er Verletzungen an der Wirbelsäule davongetragen hat.“
„Was???“ Thiel fühlte sich völlig überfordert, fast erschreckt, als Boerne schon aufsprang, um zum nächsten Kollegen zu eilen.
Der Rechtsmediziner stoppte abrupt, als er die Hilflosigkeit des Kommissars bemerkte. „Verdammt, wann
haben Sie das letzte Mal an einem Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen?" Er warf sich zurück auf die Knie und brachte den Verletzten mit wenigen sicheren Griffen in die richtige Position. „Thiel, eine Hand an seinen Puls, seine Atmung beobachten. Sollte er damit aussetzen, schreien Sie nach mir, so laut Sie können. Das werden sogar Sie schaffen, oder?“

Während dieser sarkastischen Worte hatte er sich die Anzugjacke vom Körper gezerrt und sie behutsam über dem Verletzten ausgebreitet; dann hastete er weiter und achtete gar nicht auf Thiels verspätetes Nicken.
Thiel hielt sich nicht damit auf, sich über Boernes Anfuhr zu ärgern; er war froh, so genaue Anweisungen bekommen zu haben. Eilig rutschte er ganz nah an seinen jungen Kollegen heran, legte zwei Finger an dessen Handgelenk und eine Hand auf seine Seite, und konzentrierte sich auf jeden Herzschlag und jede schwache Bewegung des Brustkorbs, die ihm zeigte, dass Hoffmann lebte.

Boerne kümmerte sich indessen schon um den wimmernden Mann wenige Schritte weiter, der sich mit sichtbaren Schmerzen auf dem Boden wand, sein Bein umklammernd, unter dem sich eine Blutlache ausbreitete.
„Ganz ruhig Hönninger, ich werde Ihnen helfen.“ Thiel registrierte überrascht, wie beruhigend und gleichzeitig aufmunternd Boernes Stimme klang, als er mit sanfter Gewalt die Hände des Verletzten von seinem Bein löste, um sich die Wunde ansehen zu können. So hatte er seinen Nachbarn noch nie erlebt.


Während Thiel weiterhin besorgt auf die Lebenszeichen des Mannes in seiner Obhut achtete und gleichzeitig seine Kollegen im Auge behielt, spannte Boerne schon Nadeshda mit ein, die nun zu ihnen auf die Terrasse eilte. Er schaute gar nicht hoch zu ihr, rief nur: „Nadeshda, ich brauche Ihren Schal!“
Thiels Assistentin streifte ihn über ihren Kopf, so schnell sie konnte und wollte sich neben den Rechtsmediziner knien, um zu helfen, aber er scheuchte sie fort. „Kümmern Sie sich um Brede; er scheint unter Schock zu stehen. Setzten Sie sich neben Ihn, halten Sie ihn wach, wenn Ihnen nicht zu kalt ist, wickeln Sie ihn in Ihre Jacke ein. Sollte er eintrüben, legen Sie ihn auf die Seite und rufen mich.“
Während Boerne seine Anweisungen förmlich herausfeuerte, hatte er den Schal um Hönningers stark blutenden Oberschenkel gewickelt und zog ihn nun mit aller Kraft an; dem Verletzten entfuhr ein derart gequältes Stöhnen, Thiel lief bei dem Geräusch ein Schauer über den Rücken.


Aus dem Augenwinkel sah er, wie Nadeshda zu dem sichtbar geschockten Brede stürzte, der mit weit aufgerissenen Augen teilnahmslos und zitternd am Boden saß; auch ihm rann das Blut aus einer Kopfverletzung über das Gesicht. Sie zog ihre Jacke aus, legte sie ihrem Kollegen um die Schulter und setzte sich seitlich hinter ihn, zog ihn sanft an sich. Thiel konnte ihre Worte nicht verstehen, hörte nur, wie sie beruhigend auf den bebenden Mann einsprach. Tatsächlich schien Brede ein wenig auf sie zu reagieren, er bewegte den Kopf und gab eine leise Antwort.


Die nächsten Minuten zogen sich für Thiel wie eine Ewigkeit. Die ganze Zeit über hielt er seine Finger an Hoffmanns Puls, lebte in der ständigen Panik, dass der junge Mann vielleicht aufhören könnte, zu atmen.
Nadeshda wich nicht von Bredes Seite; beruhigt bemerkte Thiel, dass der langsam wieder etwas lebendiger wurde. Die beiden sprachen leise miteinander.
Boerne eilte in der Zeit, bis die Rettungskräfte endlich eintrafen, von einem der ver
wundeten Polizisten zum anderen und stabilisierte ihren Zustand, so gut er konnte.
Als die Sanitäter Thiel beiseiteschoben, um ihm seinen jungen Kollegen abzunehmen, fiel ihm ein Stein vom Herzen.



Er fühlte sich um zehn Jahre gealtert, als er sich ein paar Meter entfernt von den Verletzten auf eine Holzbank sinken ließ. Mit einem leisen Stöhnen rollte er vorsichtig die Schulter, die ihm so zu schaffen machte; der brennende Schmerz war inzwischen einer dumpfen Taubheit gewichen, doch wenn er sich bewegte, musste er gequält die Zähne zusammenbeißen. Aber das war wohl nur ein Bluterguss; harmlos im Vergleich zu dem, wie es einige seiner Kollegen erwischt hatte.
Jetzt, wo er endlich etwas zur Ruhe kam, seiner Aufgabe enthoben war, begannen seine Gedanken, zu kreisen. Bestürzt über die dramatischen und so völlig unerwarteten Ereignisse starrte er in einem fort auf die Mediziner, die sich um die Verletzten bemühten und betete zu Gott, dass er nicht zum ersten Mal bei einem von ihm geführten Einsatz einen Mann verlor.



Einer der Notärzte kam herbei, bot Hilfe an, fragte nach Verletzungen; aber Thiel schickte ihn fort.

Nach kurzer Zeit gesellte sich Nadeshda zu ihm; mit einem Seufzen sank sie ebenfalls auf die Bank. Thiel musterte sie besorgt, sie war ziemlich blass und schien leicht zu zittern; aber insgesamt war sie ebenso wie er glücklich davongekommen. Auch sie hatte kurz zuvor jedwede Hilfe als unnötig abgelehnt, den Rettungskräften versichert, dass es ihr gutging.

Die beiden saßen stumm nebeneinander; es gab nichts zu sagen. Erschöpft und immer noch fassungslos beobachtete Thiel, wie die inzwischen eingetroffene Feuerwehr in das Haus eindrang, um sicherzustellen, dass sich kein Brand ausbreitete.


Nach wenigen Minuten waren Hönninger und Brede transportbereit; Thiel und auch Nadeshda begleiteten sie bis zu den Krankenwagen, schauten erleichtert hinter ihnen her, als die Wagen ohne Blaulicht davonfuhren; die beiden waren zwar mitgenommen, aber sie würden sich erholen.

Hoffmann dagegen schien es wesentlich schlechter zu gehen; Boerne war ihm nicht mehr von der Seite gewichen seit der Sekunde, in der die Rettungskräfte eingetroffen waren und ihm die beiden anderen Verletzten abgenommen hatten; er arbeitete mit einem Notarzt und zwei Sanitätern Hand in Hand, als hätte er nie etwas anderes getan; zügig, ohne viele Worte, als wäre das eine Selbstverständlichkeit.
So sehr Thiel die Sorge um seinen jungen Kollegen bedrückte, so sehr wunderte er sich über den Professor. Er schüttelte ein wenig den Kopf; meist schaffte es Boerne in seiner unnachahmlich überheblichen Art, jedem anderen Mediziner innerhalb kürzester Zeit vor den Kopf zu stoßen; aber in diesem Fall präsentierte er eine ganz andere Seite von sich.
Dem Kommissar wurde bewusst, dass er Boerne zum ersten Mal in einer echten Notfallsituation beobachtete; und er musste zugeben, dass der Rechtsmediziner sich dem Unglück, zumindest in Thiels Laienaugen, mehr als gewachsen gezeigt hatte.



Es dauerte noch eine Weile, bis auch Hoffmann transportfähig war; endlich wurde der offensichtlich schwerverletzte Mann von den Rettungsassistenten in den Krankenwagen verladen und dann mit Blaulicht und Martinshorn abtransportiert. Als Thiel dem davonfahrenden Wagen nachsah, musste er ein Schaudern unterdrücken. Er fühlte sich völlig ausgelaugt.

Erst jetzt, nachdem alle Verletzten versorgt waren, akzeptierte Boerne die Hilfe eines Kollegen und ließ ihn die Platzwunde verbinden, die er selbst davongetragen hatte.
Nach ein paar Minuten kam er zu Thiel und Nadeshda auf die Veranda, stützte sich schwer auf die Armlehne der Bank und ließ sich sichtbar erschöpft neben ihnen auf das Sitzbrett sinken. Mit einem Aufseufzen schob er seine Brille hoch auf den Kopf und presste beide Handballen auf seine Augen.

Thiel warf ihm einen langen Blick zu. „Alles in Ordnung, Boerne?“
Der Professor ließ die Atemluft mit einem Zischen entweichen, bevor er antwortete. „Mir brummt der Schädel.“ Er nahm die Hände von den Augen, schob seine Brille wieder herunter und blickte Thiel und Nadeshda an. „Aber das dürfte Ihnen beiden genauso gehen.“

Nadeshda nickte nur, Thiel schnaubte zustimmend; aber dann musste er die Frage stellen, die ihm fast die Luft abdrückte. „Wie geht es ihm?“
Boerne wich seinem Blick nicht aus; die Sorge, die Thiel selber
so quälte, konnte er auch in den Augen seines Gegenübers erkennen. Nach einer Sekunde des Schweigens zuckte Boerne mit den Schultern; er wirkte müde. „Thiel, ganz ehrlich, ich kann es Ihnen nicht beantworten. Ich hoffe, er hat kein schweres Schädel-Hirn-Trauma oder eine Wirbelsäulenverletzung davongetragen; man muss die bildgebenden Verfahren in der Uniklinik abwarten, um abschätzen zu können, wie seine Chancen stehen.“
Thiel nickte stumm; er hatte auf eine positivere Antwort gehofft, aber sie nicht erwartet. Nadeshda drückte aufmunternd und tröstend seinen Arm; er warf ihr einen dankbaren Blick zu.


Boerne neben ihm stieß einen weiteren Seufzer aus, als er das nun schwer beschädigte Herrenhaus in Augenschein nahm. Feuerwehrleute und inzwischen auch Kollegen von der Spurensicherung wimmelten darin herum, überprüften jeden Zentimeter nach Spuren der Bombe.
„Naja, die Hausdurchsuchung hat sich ja wohl erledigt“, kommentierte er trocken.
Thiel reagierte nur mit einem unwilligen Brummen.

In diesem Augenblick kam ein junger Feuerwehrmann auf sie zugestürzt und schaute unsicher zwischen Boerne und ihm hin und her. „Hauptkommissar Thiel?“, fragte er. Thiel nickte ihm zu. „Bin ich. Was gibt’s denn?“
Die Stimme des jungen Mannes zitterte ein wenig, als er antwortete. „Wir haben eine Leiche gefunden. Hinten, im Wohnzimmer. Der Raum ist schwer zerstört, die Bombe muss dort hochgegangen sein; die Person ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.“

Selbst ebenso überrascht wie sie, erwiderte Thiel die erstaunten Blicke seiner Kollegen. Wie auf Kommando sprangen alle drei auf.
„Zeigen Sie sie uns!“
D
er Feuerwehrmann drehte sich auf dem Absatz um und eilte zurück in das Haus. Durch die verbrannt riechenden Trümmer des Flures führte er sie in einen großen Raum. Thiel biss die Zähne zusammen, als er über ein verkohltes Trümmerstück stolperte und mit seiner Schulter gegen die Wand stieß; er konnte gerade noch verhindern, vor Schmerz aufzuschreien.


Teppiche, Tapeten, Gardinen, alles war den Flammen zum Opfer gefallen; die verkohlten Rückstände der ehemaligen Möbel
lagen in solchen Bruchstücken, sie mussten schon durch die Explosion größtenteils zerstört worden sein.

Die Leiche, die wohl gerade erst unter den verschmorten Resten eines Schrankes entdeckt worden war, befand sich in einer Ecke des Raumes. Boerne ging sofort darauf zu, ließ sich ein Paar Handschuhe reichen und nahm den verbrannten Körper in Augenschein.
Thiel dagegen wandte sich mit einem Stöhnen ab; ein Blick auf das, was früher einmal ein Mensch gewesen war, hatte ihm gereicht. In ihm stieg Übelkeit auf, die durch den abscheulichen Geruch, der in dem Raum vorherrschte, noch verschlimmert wurde.

Der Professor schien den Laut wahrgenommen zu haben, den Thiel nicht hatte unterdrücken können. Er hob den Kopf und warf ihm einen prüfenden Blick zu, bevor er mit den Handgelenken seine Brille hochschob. „Nadeshda, sehen Sie zu, dass Sie ihn an die frische Luft bekommen.“
Nadeshdas zustimmendes Geräusch kam extrem schnell; Thiel wurde von ihr am Arm gefasst und beide zusammen eilten nach draußen. Wer gerade wen führte, konnte Thiel nicht sagen; Tatsache war, dass seine Assistentin anscheinend ebenso froh wie er selbst war, diesem grausigen Anblick den Rücken zu kehren.



Nach einer Weile kam Boerne auf die Terrasse zurück. Entgegen Thiels Vermutungen hielt er sich allerdings mit zynischen Kommentaren zurück, sondern beschränkte sich darauf, kurz die Fakten darzulegen.
„Es scheint ein Mann gewesen zu sein; Größe und Statur könnten in etwa denen des Hausbesitzers entsprechen, der ja wohl Ihr Hauptverdächtiger und somit der eigentliche Grund war, warum wir überhaupt heute hier aufgetaucht sind. Stellt sich also die Frage, ob er sich selbst mit einem Knall aus diesem Leben verabschiedet hat, was wohl als Schuldeingeständnis zu bewerten wäre, oder er auf die Art ein weiteres Mordopfer entsorgen wollte.“ Er zog seine Handschuhe aus. „Ich habe die Leiche freigegeben, sie wird umgehend ins Institut gebracht. Weiterhin habe ich mir erlaubt, einen Ihrer Kollegen damit zu beauftragen, den Zahnarzt des Hausbesitzers zu ermitteln. Auf die Art kommen wir vielleicht an Röntgenaufnahmen seines Gebisses. Wenn das klappt, kann ich Ihnen innerhalb kürzester Zeit sagen, ob er sich selbst oder jemand Fremdes in die Luft gejagt hat.“


Thiel schluckte; eigentlich hätten er oder Nadeshda sich um diese Sache kümmern müssen, aber das war ihm gar nicht in den Sinn gekommen; er war wohl doch wesentlich stärker von dieser ganzen unglücklichen Geschichte mitgenommen, als er das selber gedacht hatte.
Nicht zum ersten Mal heute gratulierte er sich zu der Tatsache, dass er Boerne zu dieser Hausdurchsuchung mit ins Boot genommen hatte; er schauderte bei dem Gedanken, wie es seinen Kollegen jetzt gehen würde, wenn der Professor nicht erste Hilfe geleistet hätte.
Sein gemurmeltes „Danke“ bezog sich also nicht nur auf die Tatsache, dass Boerne gerade ohne viele Umstände einen Teil von Thiels Arbeit miterledigt hatte; und Boerne verstand ihn. Der Professor drückte kurz und aufmunternd seinen Arm, aber er verlor kein weiteres Wort, sondern nahm seine Brille ab und begutachtete mit zusammengekniffenen Augen die spinnwebartigen Risse des einen Glases. „Ich glaube, so sollte ich nicht Auto fahren. Könnten Sie mich vielleicht ins Institut bringen?“

„Logo.“ Zum ersten Mal seit Beginn dieses Unglücks breitete sich ein kleines Lächeln auf Thiels Gesicht aus. „Ich denke, wir sind Ihnen einen Gefallen schuldig. Na los, Nadeshda, hier können wir nichts mehr ausrichten.“





Die Fahrt zur Rechtsmedizin verlief schweigsam.
Nach zwanzig Minuten steuerte Thiel den Wagen auf den Parkplatz des Instituts. Erleichtert ließ er sich in seinem Sitz zurücksinken, froh, für einen Moment das Steuer loslassen zu können; mit dem rechten Arm zu lenken und zu schalten, hatte ihm massive Schwierigkeiten bereitet, seine Schulter war so steif geworden. Naja, das war nichts, was eine warme Dusche am Abend nicht wieder beheben würde. Hoffte er zumindest.

Aber statt dass Boerne nun ausstieg, sagte er: „Thiel, stellen Sie den Motor ab, Sie werden mich jetzt beide ins Institut begleiten. Ich muss Nadeshda untersuchen und das wird etwas dauern. Also los, kommen Sie.“
Verwundert blickte Thiel sich um und sah Nadeshda an, die hinter ihm auf dem Rücksitz die Stirn runzelte und sich irritiert an den Professor wandte: „Wovon reden Sie?“
Boerne drehte ein wenig den Kopf und warf ihr über den Rand seiner Brille hinweg einen kritischen Blick zu. „Nadeshda, aus welchem Grund Sie die Kollegen vom Rettungsdienst abgewiesen haben
anstatt sich von ihnen helfen zu lassen, weiß ich nicht. Mit der Ausrede, lieber zu Ihrem Hausarzt fahren zu wollen, brauchen Sie mir gar nicht zu kommen; es ist Mittwochnachmittag, der dürfte seit einigen Stunden auf der faulen Haut liegen. Das bedeutet, entweder werde ich mir jetzt Ihr Knie und Ihren Rücken ansehen, oder ich schleife Sie höchstpersönlich am Kragen Ihrer verrußten Strickjacke in die Notaufnahme der Uniklinik und sorge dafür, dass der diensthabende Arzt sich Ihrer annimmt.“

Thiel blickte verwundert zwischen seinen Kollegen hin und her, als die Worte des Professors einsanken. „Was jetzt? Nadeshda, Sie sind verletzt? Warum zum Teufel sagen Sie nichts?“
Seine Assistentin starrte den Professor mit weit aufgerissenen Augen an. „Woher wissen Sie das?“
Boerne verdrehte die Augen. „Meine Güte, nur weil meine Patienten in der Regel keinen Schmerz mehr verspüren, heißt das nicht, dass ich den Symptomen gegenüber blind geworden bin. Sie können sich kaum bücken, ziehen ständig ihr Oberteil von der Haut weg, an der es scheinbar immer wieder aufs Neue festklebt; dass ihr Rücken von Trümmerteilen verletzt wurde, ist nicht zu übersehen. Und Ihr Knie ist inzwischen so angeschwollen, dass man es durch Ihre Jeanshose erkennen kann, vom Humpeln ganz zu schweigen. Also, worauf warten Sie noch?“ Mit diesen Worten stieg Boerne aus.


Thiel hatte den Motor längst abgestellt und bedeutete seiner noch widerwilligen Assistentin mit einem stirnrunzelnden Kopfnicken, dass sie dem Professor gefälligst auf der Stelle folgen solle. Mit einem ergebenen Seufzen öffnete Nadeshda die Tür und fügte sich, Thiel folgte ihr nach.


Als sie durch den Flur der Rechtsmedizin schritten, kam ihnen Boernes Assistentin entgegengeeilt. Sichtbar erschreckt fasste sie ihren Chef am Arm, studierte das große Pflaster an seiner Schläfe und das befleckte Hemd, das ebenso wie sein Gesicht von Blutspuren gezeichnet war. Dann ließ sie ihren besorgten Blick auch über die jetzt stärker humpelnde Nadeshda und Thiel selbst gleiten. „Meine Güte Chef, was haben Sie jetzt wieder angestellt? Sie alle sehen schrecklich aus!“
Thiel schnaubte amüsiert, als Boerne sich kopfschüttelnd an ihn wandte. „Wieso bin immer ich es, der verdächtigt wird, etwas angestellt zu haben?“
„Kann ich mir auch nicht erklären“, grinste Thiel. Sogar Nadeshda lächelte.

Boerne hatte sich schon wieder zu seiner beunruhigten Assistentin zurückgedreht, legte einen Arm um ihre Schulter und zog sie ganz kurz an sich. Das ging so schnell, dass man es kaum bemerkte und er überspielte die liebevolle Geste mit seinem zynischen Mundwerk, aber Thiel war sie trotzdem nicht entgangen.
„Ich habe gar nichts angestellt. Und nun machen Sie mal nicht so viel Wind mit Ihrem kleinen Hemd, Alberich, das ist alles halb so schlimm, wie es aussieht.“ Er fasste sie am Arm und drehte sie in die Richtung, in er selber gerade schritt, schleifte sie förmlich mit. „Also, nun sperren Sie mal die Öhrchen auf: was ich von Ihnen brauche sind der Verbandskasten, drei Kühlakkus und für uns alle einen starken Kaffee. In der Reihenfolge. Danach rufen Sie in der Uni an und erkundigen sich nach dem Kollegen Hoffmann, den hat es ziemlich erwischt; Menzel ist der betreuende Notarzt, lassen Sie sich wenn möglich mit ihm verbinden.“
Die kleinwüchsige Frau salutierte spielerisch. „Aye aye, Chef.“ Thiel lächelte, als sie ihm und Nadeshda zuzwinkerte und im Labor verschwand.



Boerne blieb bei den Sektionstischen stehen und klopfte auf die Metalloberfläche. „Nehmen Sie schon mal Platz, Frau Krusenstern.“ Dann blickte er demonstrativ an sich herunter. „Ich muss mich kurz umziehen, wenn ich dermaßen verschmutzt irgendwelche Schürfwunden verbinde, würde ich Ihnen eher schaden als nutzen.“ Danach warf er einen Blick auf Thiel. „Sie sind der nächste, Thiel. Fangen Sie schon mal an, Ihr Hemd aufzuknöpfen, damit ich mir Ihre lädierte Schulter ansehen kann. So ungeschickt, wie Sie mit der linken Hand sind, wird das eine Weile dauern, aber den rechten Arm bekommen Sie ja nicht mehr hoch genug.“ Mit diesen Worten verschwand er in Richtung seines Büros.

Thiel blickte ihm ungläubig hinterher, Nadeshda dagegen, die inzwischen mit einiger Mühe den hohen Metalltisch erklommen hatte, starrte ihn in einer Mischung aus Sorge und Unglaube an. „Sie auch, Chef?“ Als er nur stumm nickte, huschte ein müdes Lächeln über ihr Gesicht. „Ich habe Ihnen nichts angemerkt. Also, manchmal ist er einem unheimlich, oder?“
Erneut nickte Thiel nur wortlos, und Frau Haller, die in diesem Augenblick den Erste-Hilfe-Kasten und vier Kühlpäckchen brachte, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Man sollte ihn nie unterschätzen, soviel steht fest.“ Sie legte das Verbandszeug, ein paar Instrumente und Handschuhe zurecht, bevor sie mit einem erklärenden: „Ich setze einen Kaffee auf!“ wieder in den Flur trat.

Kurz darauf kam Boerne in den Sektionsraum zurück, nun in weißer Arztkleidung und mit intakter Brille, die er scheinbar als Ersatz im Institut aufbewahrte. Gesicht und Hände hatte er gewaschen und sah bis auf das große Pflaster an seiner Schläfe wieder ganz normal aus.
Er ließ sich ohne viele Worte auf einen Rollhocker sinken, schob behutsam Nadeshdas Hosenbein nach oben und begann, die Verletzung zu inspizieren. Das Knie war blau angelaufen und wirklich beeindruckend angeschwollen; Thiel verzog mitfühlend das Gesicht, als er über Boernes Schulter sah.
Es gelang Nadeshda nicht ganz, ein schmerzerfülltes Stöhnen zu unterdrücken, als Boerne das Bein vorsichtig hin und her bewegte und abtastete. Nach einer Weile blickte er zu ihr auf. „Da Sie ziemlich gerade und von oben auf das Knie gestürzt sind, haben Sie ein ausgeprägtes Hämatom davongetragen, aber ich denke, der Bandapparat ist nicht verletzt; das Bein ist ja nicht gewaltsam verdreht worden. Wenn Sie das Knie den Rest der Woche hochlegen und eifrig kühlen, sollten die Schmerzen schnell nachlassen.“

Thiel war ganz erleichtert und Nadeshda nickte, als Boerne hinzufügte: „Falls Sie am Ende der Woche noch starke Beschwerden haben, melden Sie sich bei mir, dann beschaffe ich Ihnen einen Termin bei einem Studienkollegen; der ist hier im Umkreis der beste Orthopäde.“

Danach bedeutete er Nadeshda, dass Sie sich umdrehen solle, was sie auch tat. „Sie erlauben, dass ich Ihr Oberteil etwas hochstreife?“
Nadeshda nickte nur und Boerne schob T-Shirt und Strickjacke
so weit wie notwendig nach oben, um ihren unteren Rücken ansehen und abtasten zu können.
„Hm, hier haben Sie einiges an Haut eingebüßt, vermutlich durch die umherfliegenden Trümmer der Tür. Aber das sind alles nur harmlose Schürfwunden; ich werde das jetzt kurz reinigen und verbinden und  in ein paar Tagen ist das vergessen.“
Es dauerte nur wenige Minuten, bis Boerne seine Arbeit beendet hatte, dann ließ er ihre Jacke wieder zurückrutschen und lächelte Sie an. „Sie haben viel Glück gehabt."


Nadeshda seufzte leise und murmelte: „Was man nicht von uns allen behaupten kann.“
Thiels Magen zog sich zusammen, als er diese Worte hörte; auch Boernes Lächeln verschwand wieder. Er legte eine Hand auf Nadeshdas Arm und drückte ihn. „Warten Sie doch ab, noch wissen wir nichts Genaues.“
Er nahm zwei der Kühlkissen vom Tisch und reichte sie ihr. „Wollen Sie sich schon in meinem Büro auf die Couch setzen?“
Thiels Assistentin schüttelte den Kopf. „Nein, ich bleibe hier.“
Boerne nickte. „Dann
legen Sie Ihr Knie auf Alberichs Hocker hoch und packen einen Kühlakku auf Ihr Bein und einen in Ihren Rücken.“

Nadeshda tat, was er sagte. Sichtbar befriedigt stand Boerne auf, wechselte die Handschuhe und wandte sich nun Thiel zu, der es inzwischen tatsächlich geschafft hatte, sein Hemd auszuziehen. „So, nun lassen Sie mal sehen, Herr Nachbar.“
Ehe Thiel sich’s versah, wurde er auf den Rollhocker gedrückt und ins Licht gedreht. Doch bevor Boerne mit der Untersuchung beginnen konnte, ertönte plötzlich die Reeperbahn-Melodie aus Thiels Jacke, die auf dem Obduktionstisch lag.
Er wollte aufstehen, aber Boerne ließ das nicht zu. Stattdessen holte der Professor selbst das Handy aus Thiels Tasche und nahm das Gespräch nach einem kurzen Blick auf das Display an. Thiel wollte schon ungläubig dazwischen gehen, wurde aber durch eine energische Geste Boernes zum Schweigen gebracht.

„Guten Tag, Frau Klemm… Nein, Sie haben sich nicht verwählt, aber Thiel kann jetzt nicht ans Telefon kommen.“
Er schob sich die Brille hoch, als er der Staatsanwältin lauschte, dann ergriff er wieder das Wort. „Tut mir leid, aber ihr erfolgreichstes Ermittlerduo wird heute gar nicht mehr im Präsidium erscheinen… Warum? Das kann ich Ihnen sagen, weil sie beide ärztliche Hilfe benötigen und genau darum kümmere ich mich gerade. Danach werden sie noch schätzungsweise eine Stunde bei mir im Institut verbleiben, damit ich sicherstellen kann, das sich ihr Zustand nicht verschlechtert, bevor ich sie von Thiel Senior im Taxi nach Hause fahren lasse.“
Nadeshda wirkte bei diesen Worten ebenso überrascht wie Thiel selbst es auch war, aber Boerne redete schon weiter. „Nein, wenn Sie die beiden sprechen wollen, kommen Sie zügig hier vorbei, den Rest der Woche werde ich sie nämlich krankschreiben… Frau Klemm, wenn Sie nicht völlig unbemerkt von mir ein Fernstudium in Medizin abgeschlossen haben, sind Sie wahrlich nicht in der Position, meine Entscheidungen zu hinterfragen. So, ich muss mich jetzt um meine Patienten kümmern. Also, auf Wiederhören.“ Damit klappte der das Mobiltelefon schwungvoll zu und legte es weg.

Thiel starrte ihn mit offenem Mund an, als Boerne ein lässiges „Alberich, wie war ich?“, über seine Schulter warf.
Frau Haller, die sich inzwischen mit verschränkten Armen neben ihnen an die Wand gelehnt hatte, konnte sich scheinbar ein Grinsen nicht verkneifen. „Eloquent wie immer, Chef.“ Dann wandte sich mit einem Lächeln an Thiel. „Ich habe gerade mit der Uniklinik telefoniert. Ihrem Kollegen Hoffmann geht es den Umständen entsprechend gut. Er hat eine schwere Gehirnerschütterung und wird einige Wochen ausfallen, aber sich vollständig erholen.“

Thiel konnte gar nicht glauben, was er da hörte; er fühlte sich plötzlich ganz schwach vor Erleichterung. „Vielen Dank, Frau Haller.“ Er merkte selber, dass seine Stimme ein wenig zitterte, aber das war ihm egal.
„Na, das sind doch gute Neuigkeiten.“ Boerne hatte eines seiner seltenen, echten Lächeln im Gesicht, ohne Zynismus, ohne Überheblichkeit. Thiel konnte nicht anders, er musste zurückstrahlen.
Als er auch noch mit Nadeshda einen glücklichen Blick tauschte, spürte er plötzlich Boernes Hände auf seiner Schulter; er zuckte zusammen, aber eher, weil sie kühl waren, als dass Boerne ihm wehtat.
Es dauerte ein paar Sekunden, in denen der Professor
Thiels Schultergelenk abtastete; dann vollführte er ein paar Übungen mit Thiels Arm, der wirklich ein Großteil seiner Beweglichkeit eingebüßt hatte. Das war eine schmerzhafte Angelegenheit, aber Boerne schien ganz zufrieden zu sein.

„So wie es aussieht, haben Sie sich eine deftige Prellung zugezogen. Die Schulter ist ziemlich geschwollen, deshalb fällt es Ihnen so schwer, den Arm zu bewegen. Auch bei Ihnen ist in den nächsten Tagen Ruhe und Kühlen angesagt; wenn die Beschwerden dann nicht zügig nachlassen, müssen Sie zum Röntgen um sicherzustellen, dass keine Fragmente vom Knochen abgesprengt wurden. Aber Sie werden es überleben.“ Mit diesen Worten nahm er Thiels Hemd vom Tisch und hielt es ihm offen hin, so dass er ziemlich problemlos hineinschlüpfen konnte. Überrascht aber auch dankbar ließ Thiel sich helfen und akzeptierte dann den Kühlakku
, den Boerne ihm entgegenstreckte.


„So, das wäre ja geschafft.“ Boerne zog sich die Handschuhe aus. „Alberich, was macht der Kaffee?“
„Ist gleich durchgelaufen, Chef.“ Die kleine Frau trat an den Tisch und räumte den Verbandskasten wieder ein, als Boerne auf die Tür wies und die Polizisten aufforderte, es sich im Büro auf dem Sofa bequem zu machen. Thiel war schon aufgestanden und wollte hinter Nadeshda auf den Flur treten, als Frau Hallers Stimme ihn zurückblicken ließ. „Haben Sie nicht etwas vergessen?“
Boerne runzelte die Stirn, als er stehenblieb und seine Assistentin ansah. „Wovon reden Sie?“
Frau Haller verdrehte die Augen. „Mensch Chef, stellen Sie sich nicht dümmer, als Sie sind. Na los, hoch mit Ihnen.“ Sie deutete auf den Obduktionstisch.
Boerne sah sie für ein paar Sekunden wortlos an, bevor er leise murmelte: „Sie wissen anscheinend genauso gut wie ich, dass ich da im Moment nicht raufkomme, Alberich.“
„Ja, sowas habe ich mir schon gedacht.“
Verwundert und übles ahnend beobachtete Thiel, wie die kleine Frau ihren Chef an die Hand nahm, ihn zurück zum Hocker zog und ihm dort bedeutete, sich zu setzen - was er erstaunlicherweise auch widerspruchslos tat.
„Gebrochen oder geprellt?“, fragte sie, während sie vorsichtig sein T-Shirt nach oben schob.
„Geprellt. Glaube ich.“ Boernes Stimme klang gepresst. Thiel schnappte nach Luft, als er den ausgedehnten Bluterguss sah, der sich über Boernes Seite erstreckte.
„Meine Güte, Chef.“ Frau Haller wirkte erschreckt, als sie vorsichtig über seine Rippen tastete. Boerne zuckte zusammen und verzog das Gesicht, als sie eine offensichtlich besonders schmerzhafte Stelle traf.
„Was für ein Trümmerbrocken hat Sie denn hier erwischt?“
Sie erntete ein amüsiertes Schnauben. „Also Alberich, Sie können über Frau Krusenstern sagen was Sie wollen, aber Trümmerbrocken passt nun wirklich nicht.“
Thiel musste grinsen, als Frau Haller sichtbar überrascht zu Nadeshda aufschaute. „Das sind Sie gewesen, Nadeshda? Tut mir leid, das konnte ich nicht wissen.“
Nadeshda winkte lächelnd ab, und Boerne ergriff schon wieder das Wort. „Es ist ziemlich lange her, seit mir das letzte Mal eine junge Frau so schwungvoll in die Arme geflogen ist; ich schätze, das dürfte meine Nichte Betty gewesen sein, als ich ihr zum fünften Geburtstag ein  Fahrrad geschenkt habe.“
Thiel lachte wie die anderen, verengte aber die Augen, als Boerne ihm einen zynischen Blick zuwarf. „Zum Glück ist es nicht unser guter Herr Hauptkommissar gewesen, der da so auf mich aufgeschlagen ist. Ich glaube, die Rettungskräfte würden jetzt noch nach mir graben.“
„Ja, danke Boerne. Noch so ‘n Spruch, und Sie haben nicht nur geprellte Rippen, sondern auch noch `nen geprellten Kiefer.“ Er erntete ein belustigtes Lächeln von Boerne und konnte sich selber ebenfalls ein Grinsen nicht verkneifen.


Nachdem sie Boernes Brustkorb gründlich abgetastet und keine Fraktur gefunden hatte, schien Frau Haller beruhigt. Thiel wehrte sich wie seine Kollegen nicht groß, als er daraufhin von der resoluten kleinen Frau in das Büro des Professors geschoben wurde.
Kurze Zeit später fand er sich mit einem heißen Kaffee in der Hand und einem Kühlkissen auf der Schulter auf Boernes bequemer Couch wieder. Nadeshda neben ihm hatte ihr Bein hochgelegt und war genau wie er mit allem versorgt worden.
Boerne, der ihm gegenüber in seinen Schreibtischstuhl gesunken war, hielt sich nun wortlos den Kühlakku an die lädierten Rippen, den Frau Haller schon von Anfang an für ihn bereitgelegt hatte.
Thiel grinste, als Nadeshda ihm zuzwinkerte; Boerne war definitiv nicht der einzige Mitarbeiter der Rechtsmedizin, den man nicht unterschätzen durfte.  



Sie hatten gerade ihren Kaffee ausgetrunken, als die Brandleiche gebracht wurde. Als Boerne daraufhin aufstand und dabei bemerkte, dass er sich um die Röntgenaufnahmen des Gebisses kümmern wollte, warf Frau Haller ihrem Chef nur einen vernichtenden Blick zu. Stillschweigend sackte Boerne wieder in seinen Stuhl zurück, während die kleine Frau sich umdrehte und verschwand. Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag tauschten Thiel und Nadeshda ein wissendes Lächeln aus.

Schon eine Viertelstunde später ergab der Vergleich der von Frau Haller angefertigten Bilder und der Aufnahmen des Zahnarztes, die von einem Boten gebracht worden waren, dass es sich bei der Leiche eindeutig um den Besitzer der Villa handelte.
Anscheinend stimmte, was Boerne schon vermutet hatte; Thiel und seine Kollegen waren dem Mann so dicht auf den Fersen gewesen, dass er wohl keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich das Leben zu nehmen. Dass er dabei bereitwillig den Tod mehrerer Polizisten in Kauf nahm, zeigte nochmals deutlich, mit was für einem Charakter sie es zu tun gehabt hatten.






Während Hauptkommissar Frank Thiel mit seiner humpelnden Kollegin im Schlepptau durch die Türen der Rechtmedizin nach draußen trat, zog er sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte die Nummer der Staatsanwältin. Frau Klemm meldete sich gleich nach dem ersten Klingeln.
„Frau Klemm, Hoffmann ist auf dem Weg der Besserung.“ Thiel rief es beinah in den Hörer und gab sich keine Mühe, seine Erleichterung darüber zu verhehlen. Er öffnete die Tür des Taxis, das vor dem Gebäude auf sie wartete. „Nadeshda und ich fahren jetzt nach Hause, um den Papierkram kümmern wir uns die Tage… Jau, bis nächste Woche.“
Zufrieden klappte er sein Telefon zu und schnallte sich an, während sein Vater sich schon in den Verkehr einfädelte.
„Wohin soll’s denn gehen, Junge?“
„Erst bringst du bitte Nadeshda heim und dann mich“, antwortete Thiel und lehnte sich zurück.
„Geht klar…“ Sein Vater zog die Augenbrauen hoch. „Wie seht ihr denn aus? Habt ihr was angestellt?“
Thiel schnaubte, als er einen Seitenblick auf seinen Vater warf. „Vaddern, es ist alles in Ordnung. Aber jetzt bohr‘ mal nicht weiter, du weißt genau, dass ich über einen aktuellen Fall nicht sprechen darf.“
„Schon gut, schon gut.“ Sein Vater gab sich geschlagen und den Rest der Fahrt lächelte Thiel ein wenig vor sich hin.
Sie waren glücklich davongekommen. Alle.

Comments

( 6 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
1. Okt 2012 17:10 (UTC)
Super, hero!Boerne :D
Nein, ernsthaft, mir hat die Rolle gefallen. Manchmal zeigt er ja entsprechende Ansätze im Canon, aber in letzter Zeit zu selten. Dabei glaube ich jederzeit, daß Boerne in einer solchen Situation (schon berufsbedingt) eher die Nerven behalten würde als Thiel.

"Eine Verletzung verbergen" - schon als ich das Prompt gesehen habe, dachte ich, das ist wie für Dich gemacht ;)

Die Umsetzung ist Dir gut gelungen, trotz des Prompts hast Du es noch geschafft, mich zu überraschen. Und das war dann auch noch ein Lacher im Drama, als es erst Nadeshda, dann Thiel und schließlich Boerne selbst erwischt hat.

Mir ist zwar schon aufgefallen, daß Frau Haller 4 statt der verlangten 3 Kühlakkus bringt, aber irgendwie habe ich trotzdem nicht geschaltet.

Lieblingsstellen:

... unter anderem ...

Frau Klemm, wenn Sie nicht völlig unbemerkt von mir ein Fernstudium in Medizin abgeschlossen haben, sind Sie wahrlich nicht in der Position, meine Entscheidungen zu hinterfragen.
Das ganze Telefonat ist klasse, aber bei dem Satz mußte ich besonders lachen.

„Also Alberich, Sie können über Frau Krusenstern sagen was Sie wollen, aber Trümmerbrocken passt nun wirklich nicht.“
Bei dem auch ;)

ach ja, und Also, manchmal ist er einem unheimlich, oder?“

Das ist O-Ton Nadeshda, oder? Aus "Eine Leiche zu viel", glaube ich ... schön eingebaut :)
baggeli
1. Okt 2012 18:39 (UTC)
Hi cricri!
Das Thema mit den versteckten Verletzungen habe ich ja eigentlich schon entschieden zu oft verwurstet, aber als man mir dann die Aufgabe gestellt hat, konnte ich mich dem ja nochmals ohne schlechtes Gewissen widmen. =D


Schön, dass du über ein paar der Stellen lachen konntest, das war beabsichtigt. Das Problem ist immer, dass man selber es vielleicht lustig findet und alle anderen voll Banane. Aber es musste etwas Lockerheit her nach dem ganzen Stress der Explosion...

Ja, und Nadeshdas Satz passte hier einfach zu gut, als dass ich ihn hätte weglassen können... ;o)

t_sihek
30. Okt 2013 21:12 (UTC)
Ich weiß nicht, wie oft ich die Geschichte schon gelesen habe, aber sie gefällt mir immer besser.
Und jedes mal finde ich was Neues darin, dass mir vorher gar nicht aufgefallen ist. Da sind so viele schöne Stellen drin... Boernes Reaktion und Kaltblütigkeit angesichts der vielen Verletzten, später Alberich, der nicht entgeht, dass auch Boerne verletzt ist... die lockeren Sprüche, bei denen alle Dampf ablassen können nach dem Schreck.

Ich dachte, dass muss ich jetzt endlich mal los werden und ich wünsche mir noch mehr so schöner Geschichten von Dir!
baggeli
30. Okt 2013 21:38 (UTC)
Oh wow! Ein Review auf eine so alte Geschichte! Das macht Spaß!! *hüpf*

Ja, diese Bingo-Aufgabe damals war der Knaller für mich. Den Text habe ich innerhalb eines Abends weggeschrieben und hatte selbst Gaudi dabei. Zuvor hatte ich das Thema mit den versteckten Verletzungen ja schon gnadenlos in Feierabend verwurstet und da musste nun noch ein neuer Twist her. Ich weiß nicht, wie vorhersehbar das alles war, aber egal... ich fand die Idee lustig. xD

Und Alberich ist nie zu unterschätzen, der Meinung bin ich schon immer gewesen. *g* Ich liebe sie einfach! Und auch damals schon, in diesen alten Stories, stehen die beiden sich näher, als sie es im Canon wohl jemals tun werden... ist mir jetzt gerade noch mal selber wieder aufgefallen *seufz* ;o)

Bis dann und vielen Dank!!

t_sihek
30. Okt 2013 23:47 (UTC)
Also wirklich vorhersehbar fand ich da gar nichts.
Ich lasse mich aber auch gerne auf solche so wunderbar spannend geschriebenen Geschichten ein, ohne groß zu überlegen, was da worauf hindeutet. Dass die drei selbst verletzt wurden, habe ich vermutet, aber wie es dann aufgelöst wurde, fand ich einfach toll.
Vor allem Boernes Sätze im Taxi... ich konnte ihn glatt vor mir sehen.

Die vier Akkus sind mir zwar auch aufgefallen, aber so what... vielleicht hat sie einen extra mitgebracht, falls drei doch nicht reichen? An Boerne hab ich in dem Moment gar nicht gedacht, da er ja die Verletzungen der anderen so locker untersucht und versorgt hat.

Die Geschichte ist jedenfalls in meine Memory gewandert und gehört zu denen, die immer mal wieder gelesen werden.

Und jetzt geh ich mal nach "Feierabend" gucken... das sagt mir irgendwie (noch) nichts.
baggeli
31. Okt 2013 10:09 (UTC)
Also wirklich vorhersehbar fand ich da gar nichts.
Dann ists ja gut! So macht das Lesen ja auch viel mehr Spaß!

Die vier Akkus sind mir zwar auch aufgefallen, aber so what... vielleicht hat sie einen extra mitgebracht, falls drei doch nicht reichen? An Boerne hab ich in dem Moment gar nicht gedacht, da er ja die Verletzungen der anderen so locker untersucht und versorgt hat.
Hehe, so sollte es sein... :D
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