?

Log in

No account? Create an account

zurück | vor

Bingo-Prompt 6

Titel: Was nun?
Fandom: Tatort Münster
Prompt: Unsicherheiten
Medium: Fanfiction
Zusammenfassung: Seine Nichte Betty bringt Boerne um den Schlaf
Anmerkungen: Völlig sinnfrei, aber egal. In fanfiction ist alles erlaubt. Wäre schön, wenn ihr mich nicht steinigt
Betty aus Der Frauenflüsterer ist mal wieder dabei.


Professor Karl-Friedrich Boerne war ein Mann, der wusste, was er konnte; er war von seinen Fähigkeiten überzeugt und allen Aufgaben oder Problemen, die ihm tagtäglich begegneten, stellte er sich zuversichtlich, starrsinnig und mehr als selbstsicher.
Nicht wenige Menschen legten ihm diese Selbstsicherheit als Überheblichkeit aus, und das wahrscheinlich nicht einmal ganz zu Unrecht; aber das war ihm egal. Er hatte noch nie viel Wert auf die Meinung anderer gelegt - es gab nur eine Handvoll Personen, deren Urteile und Ansichten ihm wirklich wichtig waren, auch wenn er das ihnen gegenüber niemals zugeben würde.

Unsicherheit war also etwas, was Boerne eigentlich nicht kannte. Doch als er eines Abends, aufgeschreckt durch das dauerhafte Schrillen der Klingel, die Wohnungstür aufriss und ihm seine Nichte Betty eine Sekunde später hysterisch heulend in die Arme geflogen kam, fühlte er sich vollständig überfordert.


Es dauerte eine ganze Weile, bis die verzweifelt schluchzende Betty ihm endlich anvertraute, was sie bedrückte; wenn er bis dahin noch gehofft hatte, es handele sich vielleicht nur um die üblichen Problemchen pubertierender, unglücklich verliebter Teenager, wurde er in dem Augenblick eines besseren belehrt.


Es war ihm noch nicht oft passiert, dass er sich so unsicher gefühlt hatte, nicht wusste, wie er am besten vorgehen sollte. Aber ganz gegen seine Natur und selber nicht einmal genau verstehend, warum er das tat, hielt er sich in diesem Fall zurück. Obwohl er ihr am liebsten ganz genau gesagt hätte, was in seinem Kopf vorging, hatte er auf ihre dringlichen Fragen keine eindeutigen Antworten gegeben, keinen wirklichen Rat; die Entscheidung, die zu treffen war, konnte nur sie ganz allein treffen.

Es waren einige Stunden vergangen, bis er sie soweit hatte beruhigen können, dass sie in seinem Arm auf dem Sofa eingeschlafen war; so wie sie es früher als kleines Kind manchmal getan hatte, wenn sie bei ihm übernachten durfte.


Er hatte kaum gewagt, sich zu rühren, bis sie endlich einschlief, hatte selber nur minutenweise gedöst; dann, in den frühen Morgenstunden gelang es ihm schließlich, sich vorsichtig unter ihr hervorzuwinden und seine Schwester anzurufen.


Hanne war anscheinend die ganze Nacht auf den Beinen gewesen, hatte sich Sorgen gemacht, weil ihre Tochter nicht nach Hause gekommen war. Sie zeigte sich heilfroh, als er sich bei ihr meldete, es waren keine zwanzig Minuten vergangen, bis sie freudig vor seiner Tür stand, um ihre Tochter abzuholen. Bis dahin ahnte sie ja auch noch nicht, was sie erwartete.

Er war mehr als erleichtert, als er das klärende Gespräch mit ihr überstanden hatte und die inzwischen wieder ohne Pause schluchzende Betty sich von ihm verabschiedete.




Nun saß er seit ungefähr einer Stunde vor seinem PC im Institut und versuchte, den Autopsiebericht zu verfassen, der dringend fertiggestellt werden musste. Aber alle paar Minuten ertappte er sich dabei, wie seine Gedanken abschweiften und erneut um seine Nichte und ihre Sorgen kreisten. Er wunderte sich selber, wie sehr ihn das beschäftigte; vielleicht hätte ihn das alles viel weniger tangiert, wenn sie nicht mit ihren Problemen überraschenderweise als erstes zu ihm gekommen wäre, statt sich an ihre Eltern zu wenden.

Er konnte nicht sagen, wie lange er ohne zu sehen auf seinen Monitor gestarrt hatte, als ihn plötzlich jemand an der Schulter berührte. Überrascht fuhr er zusammen und bemerkte jetzt erst seine Assistentin neben sich, die einen Becher Kaffee vor ihm abstellte.
„Hier. So wie’s aussieht, können Sie den brauchen.“ Ihr Blick war ernst, als sie ihn fixierte. „Wollen Sie drüber reden?“
Es gab nicht viele Menschen, die ihn so komplett durchschauten, so genau wussten, was gerade in ihm vorging. Er machte sich schon lange nicht mehr die Mühe, sich in ihrer Gegenwart zu verstellen; das hatte von Anfang an nicht funktioniert.


Aufseufzend lehnte er sich in seinem Stuhl zurück. „Betty ist schwanger. Sie stand gestern Abend bei mir vor der Tür, weil sie sich nicht getraut hat, es meiner Schwester zu erzählen.“
Frau Haller zog die Augenbrauen hoch. „Oh.“ Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, blickte ihn nur erwartungsvoll an.


Boerne schob seine Brille hoch und rieb sich die Augen; er fühlte sich ausgelaugt. „Hanne weiß inzwischen Bescheid, ich habe sie angerufen, damit sie Betty abholen konnte. Sie war geschockt, fast sprachlos."

Die kleine Frau nickte verständnisvoll. „Wie geht es jetzt weiter?“
„Alberich, ganz ehrlich, ich weiß es nicht.“ Er fuhr sich durch die Haare. „Sie hat mich gefragt, ob sie das Kind behalten oder es abtreiben soll. Sie wollte Ratschläge, meine Meinung, hat mich fast angefleht, dass ich ihr helfen soll. Es ist noch nicht oft vorgekommen, aber ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte.“
„Was haben Sie ihr gesagt?“
„Nicht viel. Die Entscheidung kann ihr keiner abnehmen, die muss sie ganz allein treffen.“

Silke Haller zog eine Augenbraue hoch und grinste ein wenig. „Chef, manchmal erstaunen Sie mich. Sie sind doch eigentlich der erste, der sich einmischt, weil er meint, praktisch alles besser zu wissen als seine Mitmenschen.“
Er schnaubte. „Ja, danke Alberich. Sprechen Sie mir ruhig jegliches Taktgefühl ab.“

Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und wurde wieder ernst. „Also haben Sie ihr wirklich gar keinen Rat gegeben? Sie haben doch sicher eine ganz präzise Vorstellung zu dem Thema?“
„Ich habe ihr von dem jungen Mann erzählt, den wir neulich auf dem Tisch hatten, der von den zwei jugendlichen Betrunkenen totgeprügelt wurde, nur weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Und dass die beiden Täter jetzt selber für den Rest ihres Lebens damit klarkommen müssen.“ Er seufzte. „Ob sie verstanden hat, was ich ihr damit sagen wollte, weiß ich nicht. Und was sie daraus macht, ist allein ihre Sache. Ich will nur, dass sie sich der Konsequenzen bewusst ist, egal wie sie sich entscheidet.“


Seine kleine Assistentin stand auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Das haben Sie gut gemacht, Chef. Und jetzt denken Sie mal nicht mehr so viel über die Sache nach, das ändert nichts.“ Er legte seine Hand auf ihre und drückte sie kurz, bevor sie zu ihren Aufgaben zurückkehrte und er sich wieder seinem Autopsiebericht zuwandte.

Er fühlte sich ein wenig besser; mit ihren so einfachen Worten hatte sie ihm die Unsicherheit ein Stück weit genommen, denn sie zählte auf jeden Fall zu den wenigen Personen, deren Urteile und Ansichten ihm wirklich wichtig waren; auch wenn er das ihr gegenüber niemals zugeben würde.


Comments

( 7 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
3. Okt 2012 05:57 (UTC)
sinnfrei
Och, Ansätze finden sich doch schon in Der Frauenflüsterer, als Boerne die Fassung verliert, weil Betty ihn beauftragt, ihr die Pille mitzubringen, die sie in seiner Wohnung vergessen hat ;)

Ich mag die Vorstellung, daß Boerne - wenigstens ab und an, und wenn es wirklich wichtig ist - das richtige tun kann.

Es waren einige Stunden vergangen, bis er sie soweit hatte beruhigen können, dass sie in seinem Arm auf dem Sofa eingeschlafen war; so wie sie es früher als kleines Kind manchmal getan hatte, wenn sie bei ihm übernachten durfte.
Fand ich besonders schön. Vielleicht, weil es mich an meinen eigenen Patenonkel erinnert hat und die Ferien, die ich als Kind bei ihm verbracht habe.
baggeli
3. Okt 2012 08:31 (UTC)
Och, Ansätze finden sich doch schon in Der Frauenflüsterer, als Boerne die Fassung verliert, weil Betty ihn beauftragt, ihr die Pille mitzubringen, die sie in seiner Wohnung vergessen hat
Genau die Stelle hatte ich im Sinn. :D Ich habe länger überlegt, was denn wen aus der Fassung bringen würde und ehrlich gesagt, zu Thiel ist mir da nicht so viel eingefallen... Aber Boernes Nichte einfach mal ein Kind unterzujubeln, fand ich spaßig.

Ich mag die Vorstellung, daß Boerne - wenigstens ab und an, und wenn es wirklich wichtig ist - das richtige tun kann.
Ja, dass er auch mal vernünftig sein kann, denke ich auf jeden Fall.

Fand ich besonders schön. Vielleicht, weil es mich an meinen eigenen Patenonkel erinnert hat und die Ferien, die ich als Kind bei ihm verbracht habe
Ich gebe zu, da habe ich auch glückliche Kindheitserinnerungen mit einfließen lassen. :D



cricri_72
3. Okt 2012 09:25 (UTC)
Mein Patenonkel war nur wenig älter als meine Mutter und Anfang 20, als ich geboren wurde, während mein Vater schon ein bißchen älter war (für heutige Verhältnisse nicht alt als Vater, aber für die 70er schon). Viele Kindheitserinnerungen, die andere vielleicht an ihre Väter haben, habe ich an meinen Onkel. Er hat mit die Jungssachen geschenkt, die ich gerne haben wollte ... zum Beispiel mein erstes Taschenmesser :) Und ich habe alle seine Kinderbücher gelesen und von ihm die meisten meiner Karl May Bücher geschenkt bekommen. Mein erstes Karl May Buch habe ich mit acht gelesen, als ich bei ihm in Ferien war. "Unter Geiern", ich habe das alte abgegriffene Taschenbuch heute noch ... Er hat mit mir schwimmen geübt und war der erste, der mit mir im Kino war. Alles Dinge, die mein Vater nie gemacht hat.

Jetzt sind beide, mein Onkel und mein Vater, schon bald zehn Jahre tot. Sie sind damals nur wenige Monate nacheinander gestorben. Und ich verlasse gerade die glücklichen Kindheitserinnerungen, sorry. Ich bin heute noch traurig, nicht nur, weil er gestorben ist, sondern auch, weil wir uns irgendwie voneinander entfernt haben, als ich älter wurde. Dabei weiß ich gar nicht warum, es war einfach so.
cricri_72
3. Okt 2012 09:30 (UTC)
Ach ja, zum Thema aus der Fassung bringen - ich denke schon, daß Betty da eine gute Idee ist. Beim Frauenflüsterer kann man sich durchaus vorstellen, daß Boerne mit Betty umgehen konnte, als sie noch jünger war, jetzt aber nicht so recht weiß, wie er sich verhalten soll. Eigentlich fällt er am Ende einfach darauf zurück, sie wieder wie ein Kind zu behandeln (oder so, wie er den Rest der Menschheit behandelt ... der Unterschied ist da nicht so groß ;)

Was Thiel verunsichert - da müßte ich auch drüber nachdenken. Im Canon Frauen, die ihm gefallen ;) Aber will ich so was schreiben?

Edited at 2012-10-03 09:31 (UTC)
baggeli
3. Okt 2012 11:05 (UTC)
Ach cricri, ich erkenne mich ziemlich wieder in dem was du erzählst; zum Glück ist unser Verhältnis bis zu seinem ganz plötzlichen Tod immer noch eng gewesen. Er war immer mein Lieblingsonkel, da gab es nichts zu rütteln. *sigh*

Ja, ich hab mich auch herrlich amüsiert, wie Boerne mit Betty umgeht in der Folge. Er hat sogar irgendwann was von Eis oder Kakao gefaselt, auch wenn ich nicht mehr genau weiß, was. Da hab ich mich weggeschmissen.=D
readonly56
3. Okt 2012 11:12 (UTC)
Ich find's sehr schön, wie du das gelöst hast, dass du offen lässt, wie KF selber dazu steht.
baggeli
3. Okt 2012 11:41 (UTC)
Hallo Gabi,
Danke dir! Wir Autoren legen den Figuren ja ständig unsere Gedanken und Meinungen in den Mund, aber in dem Fall werde ich mich hüten. Ich will ja keine Diskussion vom Zaun brechen. =D
( 7 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

Latest Month

April 2018
S M T W T F S
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930     

Tags

Gehostet von LiveJournal.com
Designed by Tiffany Chow