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Bingo-Prompt 8

Titel: Vertrauen
Fandom: Tatort Münster
Prompt: Vertrauen
Medium: Fanfiction
Zusammenfassung: Vertrauen. Was bedeutete das schon? Woher konnte man wissen, wer es verdiente?
Er wusste nur eines; jetzt, in diesem Moment, in dem er auf die Person starrte, die vor ihm auf dem Boden kauerte, war es ihm klar geworden: er hatte sein Vertrauen, seine Loyalität, den falschen Menschen geschenkt.

Anmerkungen: Outsider-P.O.V.  Episodenbezug zu Satisfaktion. Es ist wichtig, die Folge zu kennen, sonst macht diese Story keinen Sinn.


Vertrauen. Was bedeutete das schon? Woher konnte man wissen, wer es verdiente?
Er wusste nur eines; jetzt, in diesem Moment, in dem er auf die Person starrte, die vor ihm auf dem Boden kauerte, war es ihm klar geworden: er hatte sein Vertrauen, seine Loyalität, den falschen Menschen geschenkt; darauf vertraut, dass das, was sie sagten, das Richtige war; obwohl er eigentlich genau wusste, dass das nicht stimmte. Er hatte nicht das Rückgrat gehabt, das es gebraucht hätte, um einigermaßen sauber aus dieser ganzen Sache herauszukommen, dass Rückgrat, sich selbst einzugestehen, das er den Weg des Feiglings ging


Dabei war es ihm mit den Jahren immer leichter gefallen, die Geschehnisse zu verdrängen; es gab sogar Phasen, in denen er den Vorfall komplett vergessen konnte. Es schien die richtige Entscheidung gewesen zu sein, damals. Stillschweigen zu bewahren. Sich nicht der Polizei zu stellen; denn dadurch hätte er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Freunde in Schwierigkeiten gebracht. Zueinander zu halten, den Mund zu halten, sich zu vertrauen. Ihnen allen dadurch ein weiterhin normales Leben zu ermöglichen. Es war ihm leichtgemacht worden; er hatte sich bestechen lassen, sich von dem größten Wunsch, nämlich Arzt zu werden, verführen lassen.


Aber der Tag, an dem Raimund Stielickes Leiche gefunden wurde, brachte innerhalb einer Sekunde die ganze Misere wieder vor sein inneres Auge. Seine Gedanken drehten sich in einer Endlosschleife um die Ereignisse von damals, er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Und in dem Augenblick fing sein Vertrauen an, zu wanken. Sein Vertrauen darin, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sein Vertrauen in die Menschen um ihn herum.
Er sah die Angst in Karstens Augen. Er hörte die Bemerkungen, die der dauerbetrunkene Baltus machte, die Andeutungen. Sie alle waren verunsichert. Lediglich Professor Stielicke schien völlig unbeeindruckt. Aber sie mussten zusammenhalten, sich vertrauen, sonst würden sie auffliegen.



Als er Hauptkommissar Thiel kennenlernte, wusste er, dass es schwer werden würde. Der Mann war ihnen allen gegenüber extrem voreingenommen, misstrauisch ohne Ende. Er polterte durch ihre Reihen wie ein Elefant im Porzellanladen; aber er war unbeirrbar und sich seiner Sache sicher, er würde nicht locker lassen. Keine Sekunde.
Doch wenn sie alle weiter zusammenhielten, dann konnten sie noch mit heiler Haut aus dieser Sache herauskommen. Hoffte er.



Thiel war jedoch nicht der einzige, der ihm Sorgen machte. Professor Karl-Friedrich Boerne, der den Status des Alten Herrn innehatte, war plötzlich wieder aufgetaucht. War das ein Zufall? Strobel wusste natürlich, dass Boerne als Leiter der Rechtsmedizin derjenige war, der Raimund anhand der DNA identifiziert hatte. Auch wenn er Boerne zehn Jahre lang nicht gesehen hatte, sein beruflicher Weg war ihm nur zu bekannt.
Der Kommissar und Boerne schienen sich gut zu kennen; Strobel hatte mehrfach Gesprächsfetzen mitgehört, die das nahelegten. Allerdings war nicht zu übersehen, dass ihre Beziehung im Moment sehr angespannt war.


Aber ungeachtet dieser Diskrepanzen, oder vielleicht sogar gerade deshalb; so wie es aussah, hatte auch Boerne es zu seiner Aufgabe erklärt, den Fall des ermordeten Raimund aufzuklären

Und  in dem Augenblick, in dem die Türen zum Bankettsaal aufflogen und Boerne mit Raimunds Schädel unter dem Arm zielstrebig und selbstsicher in den Raum trat, war Strobel klar, dass sie auffliegen würden.
Mit seinen Vermutungen, seinen Spekulation über den Tatverlauf, traf Boerne nahezu ins Schwarze; er war schon zu seiner Zeit als Zorro nicht nur als der beste Fechter des Corps bekannt, sondern auch für seinen scharfen Verstand.

Und an diesem Abend zeigte er das Rückgrat, das Strobel selber nie gehabt hatte; er ließ sich nicht einschüchtern von Walter Stieleckes offener Drohung, ungeachtet aller Konsequenzen; machte klar, dass er sich nicht bestechen ließ, und stellte sie alle an den Pranger.

Karsten blieb nichts anderes übrig, als ihn zum Duell zu fordern; man konnte fast meinen, Boerne hätte es darauf angelegt.

Als der Rechtsmediziner Karsten während dieses Duells weiter zermürbte, ihm unermüdlich zusetzte, verlor sein alter Freund endgültig die Nerven. Er gestand die Tat, riss sie alle mit sich ins Verderben; Stielecke Senior, Baltus und er hatten sich der Mittäterschaft schuldig gemacht, den Mord verschwiegen und vertuscht. Und nun waren sie alle aufgeflogen.
Karsten war seines Vertrauens nicht würdig gewesen; und sein Vater auch nicht. Ein Mann, der bestach, der drohte, konnte kein Vertrauen verdienen; er hätte es wissen müssen.



Alles ging Schlag auf Schlag; Karsten hatte den Mord gestanden, vor Publikum; es gab kein Zurück mehr. Und als seinem Freund das klar wurde, drehte er durch. Strobel, genau wie alle anderen, hatte nicht damit gerechnet, konnte nicht schnell genug reagieren; mit einem Degenhieb streckte Karsten den wehrlosen Boerne zu Boden und rannte davon.
In Panik und erschreckt stürmten sie alle hinter ihm her; brachen die Tür auf, hinter der er sich verbarrikadiert hatte.
Es war ein schreckliches Bild, ihn dort am Boden kauern zu sehen, wie er sich die Waffe in den Mund steckte; nur noch ein Schatten seiner selbst; noch schrecklicher war es, als er versuchte, auch noch seinen Vater umzubringen.



Thiel hatte ihn überwältigt, bevor er einen weiteren Mord begehen konnte; hielt ihn fest, bis kurz darauf seine Kollegen eintrafen, die ihn abführten.
Der Kommissar wirkte grimmig, als Karsten weggebracht wurde, aber auch verwundert. „Wie sieht der eigentlich aus?“ fragte er. „Wer hat ihn so zugerichtet, und warum trägt er diese bescheuerte Kluft?“

„Er hat sich mit Professor Boerne duelliert.“ Seine Antwort war mechanisch, fast in Gedanken, so mitgenommen war er von den Ereignissen. Aber in der gleichen Sekunde, in der Thiel fassungslos aufschaute, fiel ihm ein, dass Boerne wahrscheinlich noch auf dem Paukboden lag; und es war nicht sicher, ob sich jemand seiner angenommen hatte. „Kommen Sie!“


Er rannte, und hörte, dass Thiel ihm folgte. Als sie auf dem Paukboden ankamen, lag der Professor noch dort, wo er niedergegangen war; reglos und bleich, in einer Blutlache. Thiel neben ihm verharrte für eine Sekunde in der Tür, bevor er mit einem ungläubigen Fluch auf den Professor zustürzte. 


Zum Glück regte sich Boerne in dem Moment, in dem Thiel ihn behutsam auf den Rücken drehte; auch wenn er ziemlich weggetreten war, wurde schnell deutlich, dass er großes Glück gehabt hatte.
Strobel versorgte die Verletzung provisorisch und befreite Boerne anschließend von der Schutzkleidung, in die er noch komplett eingehüllt war; Thiel hielt den Professor die ganze Zeit fest, stützte ihn, ließ ihn keine Sekunde aus den Augen.
Das Gefühlschaos, das er in der Zeit in den Augen des Polizisten sah, verwunderte Strobel ein wenig. Er wirkte aufgebracht, zornig, definitiv besorgt; aber auch schuldbewusst.

Boerne war nicht wirklich in der Lage, ein zusammenhängendes Gespräch zu führen, doch die wenigen Worte, die die beiden wechselten, reichten aus, um den Ausdruck in Thiels Augen zu verändern; Strobel meinte, Erleichterung darin zu erkennen. Und noch etwas anderes.
Vertrauen. Vertrauen, dass sich in Boernes Augen spiegelte - wenn er denn in der Lage war, sie offen zu halten. Das gelang ihm allerdings eher selten, er war die meiste Zeit halb bewusstlos.


Strobel wusste nur eines; jetzt, in diesem Moment, in dem er auf die Personen starrte, die auf dem Boden kauerten, war es ihm klar geworden: er hatte sein Vertrauen, seine Loyalität, den falschen Leuten geschenkt.

Die beiden Menschen vor ihm, die hatten es besser gemacht. Sie hatten die Kraft und den Mut, Fehler einzugestehen und das Rückgrat, das es brauchte, um Vertrauen zu verdienen. Auch, wenn es vielleicht für eine Weile abhandengekommen war; jetzt war es zurück.


Comments

( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
cricri_72
4. Okt 2012 20:46 (UTC)
Outsider POV - auch immer wieder schön :) Man braucht eine Weile, um zu wissen wer denkt, aber ich fand es wirklich interessant, Strobel zu nutzen. Eine Randfigur in Satisfaktion, die aber bei vielen wichtigen Momenten präsent ist. Außerdem ist es ganz spannend, erst einmal eine Weile zu rätseln.

Und für Dein Prompt paßt er hervorragend, ebenso wie die "Beziehungskrise" zwischen Thiel & Boerne in dieser Episode.

Schönes fix-it für Deine letzte Geschichte :) Wurde auch Zeit, daß die beiden sich wieder vertragen!
baggeli
4. Okt 2012 20:51 (UTC)
Och, ich dachte, etwas rätseln darf ruhig sein.
Mir fiel niemand anderes ein, den ich hätte nutzen können; Thiel war gerade vorher dran und Boerne wollte ich nicht. Da bot sich Strobel mit seiner Mittäterschaft und dem Blick auf das Drama am Ende einfach an.

Ich habe ihn jetzt irgendwie so ein wenig als bestechliches Weichei dargestellt, der sich hat beeinflussen lassen von den Stielickes... keine Ahnung, ob das passt, aber ist ja egal. Ist ja nur so ein Schuss ins Blaue. Er wirkt jedenfalls nicht wie der verbissene Kämpfertyp, der allen anderen den Schwur abgenommen hat, dicht zu halten. Dachte ich irgendwie. *schulterzuck*
cricri_72
4. Okt 2012 21:04 (UTC)
bestechliches Weichei
Das trifft es doch ganz gut. Vielleicht hätte ich es nicht ganz so hart ausgedrückt ;) Er ist in der Vorlage ja kein großer Sympathieträger, wirkt aber auch nicht wirklich "schlecht". Eher schwach. Ein - allerdings nicht völlig gewissenloser - Mitläufer. Oder eben jemand, der sich den falschen Menschen verpflichtet fühlt.
baggeli
4. Okt 2012 21:13 (UTC)
Ja, exakt so sehe ich ihn auch. (Zumindest wollte ich ihn so darstellen; keine Ahnung, ob das so rüberkommt.)
Dass er kein Mega-Fiesling ist, weil es (in meinem Text natürlich) sein größter Wunsch ist, Arzt zu werden; dass er mitspielt, weil er dadurch Gelegenheit bekommt, sich diesen Traum zu erfüllen.

Naja, alles Interpretationssache. Aber, wie gesagt, im Krieg, in der Liebe und in fanfiction ist alles erlaubt, oder wie war das? :D
( 4 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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